Eine Reise zu den Ursprüngen des Wunderbaren – in der Welt und in der europäischen Literatur

Eine Welt voller Götter

Die Theogonie, das vielleicht frühste Werk der europäischen Literatur, Vgl. zur Frage der Datierung der Theogonie (um 700 v. Chr.) Hugo Konig, „The Hesiodic Question“, in: The Oxford Handbook of Hesiod, hg. v. Alexander C. Loney und Stephen Scully, Oxford 2018, S. 17–30; und vgl. zu den Ursprüngen vieler hesiodeischer Motive in der außereuropäischen Literatur Ian Rutherford, „Hesiod and the Literary Traditions of the Near East,” in: Brill’s Companion to Hesiod, hg. v. Franco Montanari, Antonios Rengakos und Christos Tsagalis, Leiden / Boston 2009, S. 9–35. Vgl. zum Wunderbaren bei Homer Giuseppe Nenci, „La concezione del miracoloso nei poemi omerici“, Atti dell’ Accademia delle Scienze di Torino 92 / 1957, S. 274–311.erzählt über die Entstehung der Welt und der göttlichen Gestalten und Mächte in ihr. Bereits in der Antike gilt Hesiod – neben Homer – als „Klassiker“, d. h. als ständiger Bezugspunkt in Philosophie und Dichtung. Herodot bezeichnet ihn als Schöpfer der griechischen Götterwelt, Heraklit adelt und kritisiert ihn als Lehrer der Griechen, Xenophanes polemisiert gegen seine Götterdarstellungen, für Platon ist er Mythendichter, für Aristoteles Naturphilosoph. Vgl. zu Herodot Historien 2, 53; zu Heraklit Fragmente der Vorsokratiker (DK) 22 B40 und B 57; zu Xenophanes DK 21 B11; zu Platon u. a. Politeia 377d; zu Aristoteles Physik 208b28–209a3; Metaphysik 984b23–30 oder 989a9–13. Auffällig ist, dass Hesiod in seiner Weltentstehungserzählung ohne einen planenden Schöpfergott auskommt. Stattdessen ist es Zeus, der die Welt zwar nicht erschafft, aber über seine Töchter, die Musen, den Beginn und das Ziel der Theogonie bestimmt. „Weiter preisen die Göttinnen zu Beginn und Ende ihres Liedes Zeus, den Vater der Götter und Menschen, wie er der höchste der Götter sei und an Macht der größte.“ (Theogonie, vv. 47–49) Die Übersetzungen folgen Otto Schönberger. Die in dem Gedicht zu rühmende Herrschaft des Zeus steht für die Ordnung der Welt und verweist auf die natürlichen und moralischen Grundlagen der Menschen. Zeus selbst repräsentiert das Ordnungsprinzip, das die maßlose Schöpfungskraft der Erde einhegt und dem Handeln der Menschen Orientierung gibt. Die Wirkmacht dieser Ordnung besteht nicht in der Determination, sondern darin, dass jede Missachtung der Ordnung Konsequenzen nach sich zieht; vgl. Werke und Tage, vv. 247–264.

Doch gibt es in einer derart geordneten Welt auch Platz für Monströses, Staunenswertes, Abseitiges, also Spielraum für das Wunderbare? Vgl. zu Aspekten und Konzeptionen des Wunderbaren in Geschichte und Forschung den Überblick bei Falk Quenstedt, Mirabiles Wissen, Heidelberg 2021, S. 9–35. Und wenn ja: welche Funktion hat es in der Theogonie, wie kommt es in die Welt und wo lässt es sich entdecken? Um mit der letzten Frage zu beginnen: Die einfache Antwort hierauf wäre: überall. Hesiods Kosmos ist voller Götter und die Theogonie berichtet davon, wie diese Ordnung, die nicht von Anfang an gegeben war, überhaupt zustande kommen konnte. Das zeitliche Nacheinander der Stammbäume und Geschichten kann gelesen werden als ein Verweis auf begriffliche Verhältnisse und logische Zusammenhänge. Die Geschichte der Entstehung der Welt, die Kosmogonie, ist zugleich eine Theogonie, eine Erzählung über die Entstehung der Götter. Diese Götter repräsentieren alles, was mächtig ist, worin das menschliche Leben eingeordnet ist, was Menschen ergreift – letztlich alles, worüber der Mensch keine vollständige Verfügungsgewalt hat. Vgl. hierzu die Übersicht von Martin L. West in ders. (Hg.), Hesiod. Theogony, Oxford 1966, S. 31–34. Dies umfasst Naturphänomene wie Himmel, Berge und Meere, aber auch Blitze, Donner oder Stürme, und erstreckt sich über panhellenische und regionale Gottheiten des Kultes, denen jeweils ein eigener Einflussbereich zugeordnet wurde, bis hin zu physischen und psychischen Zuständen wie Neid, Schlaf oder sexueller Begierde. Diese bunte und scheinbar unzusammenhängende Sammlung an Phänomenen eint die Eigenschaft, dass sie gegebene und bleibende Wirkmächte in der Welt sind, mit denen der Mensch umgehen muss. Innerhalb dieser Vielheit und Vielfalt göttlicher Phänomene markiert Hesiod außergewöhnliche Erscheinungen. Aber wodurch lässt sich in einer Welt voller Götter überhaupt das Außergewöhnliche erkennen?

Die elementaren Prinzipien der Welt

Wir erinnern uns: Zeus ist kein Schöpfergott. „Zuallererst nun,“ so beginnt der Gesang über die Entstehung von allem, „war das Chaos, danach Gaia, die breitbrüstige […] und Eros, der schönste unter den unsterblichen Göttern, der gliederlösende […]“ (Theogonie, vv. 116–122). Chaos, Gaia und Eros sind damit als drei getrennte Prinzipien unserer Welt gesetzt, die nicht aufeinander reduziert werden können. Chaos und Gaia existieren offenkundig nebeneinander, nicht im Wettstreit. Beide Prinzipien sind gleichermaßen grundlegend: Chaos steht dabei nicht für die ungeordnete Materie, sondern der ursprünglichen Wortbedeutung nach erst einmal für „Kluft“, die vor allem durch ihre Unbestimmtheit charakterisiert ist. Chaos hat keinen Beinamen, keine Erklärung und ist ein grammatikalisches Neutrum. Und doch ist Chaos mehr als bloßer Raum und gähnende Leere. Denn es gebiert aus sich selbst heraus Nachkommen: zunächst Finsternis und Nacht, woraus wiederum Trug, Streit sowie weitere verwandte Enkel entstehen. Mit Chaos verbunden sind Gestaltlosigkeit, Aspekte des Unsicheren, des Negativen. Anschließend, komplementär zu Chaos, entsteht Gaia, die Erde: Sie ist charakterisiert als breitbrüstig, als ewig sicherer Sitz. Sie steht für Körperlichkeit, Tiefe, Begrenzung, Sicherheit und Positivität. Chaos’ und Gaias Familien vermischen sich in der weiteren Entstehungsgeschichte der Welt nicht, sie heben sich aber auch nicht auf. Vgl. zur Polarität der hesiodeischen Genealogie im Gegensatz zu dualen oder monistischen Denkformen Paula Philippson, „Genealogie als mythische Form“, neu gedruckt in Ernst Heitsch, Hesiod, Darmstadt 1966, S. 651–687. Als drittes Prinzip hinzu kommt schließlich: Eros, das Streben. Kaum ist Eros erwähnt, gerät die Welt in Bewegung. Eros, selbst kinderlos, ist offenkundig das Prinzip jeder Zeugung und Vermehrung, ohne das der Kosmos nicht entstehen und nicht bestehen kann. Eros treibt zur Entfaltung des Daseins und führt die sich ausdifferenzierenden Nachkommen auch untereinander immer wieder zusammen. Mit Eros wird aus dem Nach- und Nebeneinander ein vermischtes Miteinander. Damit liefert Hesiods Theogonie auch eine Antwort auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Welt.

Doch bilden diese elementaren Prinzipien der Welt noch keinen Kosmos (= griechisch für Ordnung), denn es fehlt: ein ordnendes Prinzip. Das wird deutlich, wenn Hesiod die sich aus den drei ersten Prinzipien entfaltende Welt als Familiengeschichte erzählt. Hier steht insbesondere Gaia im Fokus, die sich durch ihre unbegrenzte Produktivität und Schöpfungsfreude auszeichnet. Sie zeugt – zunächst aus sich selbst heraus – Uranos, den Himmel, und Pontos, das Meer. Dann vereinigt sie sich mit Uranos und setzt die nächste Generation, die Titanen, in die Welt. Die jeweils männlichen Herrscher, erst Uranos, später dessen Sohn Kronos, versuchen mit bloßer Gewalt, Stabilität herzustellen und die Generationenabfolge zu beenden: Vgl. hierzu Jenny Clauss Clay, Hesiod’s Cosmos, Cambridge 2003, S. 18. Uranos, indem er gewaltsam die Kinder in den Schoß Gaias drückt, Kronos durch stumpfes Verschlucken der eigenen Kinder. In beiden Fällen leistet Gaia die entscheidende Hilfe bei der Befreiung und Entfaltung der jeweils nächsten Generation gegen die Unterdrückung des Vaters und damit gegen eine Blockade der Fortpflanzung. Auch nachdem Kronos’ Sohn Zeus im Kampf gegen die Titanen die alte Göttergeneration in die Schranken verwiesen hat und nun dazu prädestiniert ist, ein neues Zeitalter eigener Herrschaft zu etablieren, schickt Gaia ihm mit dem ungeheuren Typhoeus erneut einen mächtigen Widersacher entgegen. Erst als Zeus auch diesen besiegt, überlässt Gaia im Einvernehmen mit den übrigen göttlichen Mächten Zeus die Herrschaft. Die Welt kommt damit im Zeus-Kosmos in gewisser Hinsicht zur Ruhe: sie ist nun, aufgrund ihrer alles umfassenden Ordnung, als eine bestimmte Welt zu erkennen. En passant formuliert Hesiod hiermit zugleich auch Bedingungen für eine gelingende Herstellung politischer Ordnung und Stabilität. Vor Zeus gab es keine Stabilität, keine akzeptierte Ordnung in der Welt. Jeder ausschließlich auf Gewalt basierende Versuch der Herrschaft wurde durch Listen und Widerstand sowohl der neuen Generation als auch der Gaia, die den steten Umsturz, die stete Bewegung, den Wandel und die Zeugung vorantreibt, gebrochen. Zeus aber unterscheidet sich von seinen Vorgängern Uranos und Kronos deutlich. Denn seine Herrschaft beruht nicht auf bloßer Gewalt und Unterdrückung, sondern neben Stärke und Tatkraft qualifiziert sich Zeus durch politisches Geschick und Rücksicht. Das wird deutlich anhand seiner Einbindung alter Gottheiten wie Hekate und Styx, seiner Kooperationen (z. B. sein Rückgriff auf die Hundertarmigen), seiner Klugheit (vgl. seine Zurechtweisung des Prometheus), sowie seiner Bereitschaft zu Arbeitsteilung (vgl. die Verteilung der Ehren bei der Machtübernahme für sein „Amt“). Zeus’ diverse Qualitäten sind während der gesamten Kosmogonie, auch schon in den Passagen vor seiner Geburt, präsent.

Das naturwüchsig Wunderbare

Wie aber kommt überhaupt all jenes in diese Welt, das aufgrund seiner überdimensionierten Gewalt und Größe, aufgrund seiner Monstrosität, aufgrund seiner Abweichungen zum Gegenstand des Schreckens, des Unbehagens, des Staunens für Menschen (und teilweise auch Götter) wird? Der Text deutet auf verschiedene Facetten eines solchen Wunderbaren hin, die allerdings nur aus der Perspektive des Zeus-Kosmos als solche zu erkennen sind. Doch dies ist ohnehin immer auch unsere Perspektive, da es die Musen, die Töchter des Zeus, sind, die unserem Dichter, einem Hirten namens Hesiod, diese Erzählung zum Lobpreis der Götter eingeben (vgl. Theogonie, vv. 22–35). Alles folglich, was wir auch über die Zeit vor Zeus erfahren, hat Zeus zum Maßstab. Und erst vor diesem Hintergrund einer Zeus-Ordnung werden Abweichungen, Sonderbarkeiten, Entgrenzungen als solche sicht- und erkennbar. Vgl. zur Relationalität des Wunderbaren Jutta Eming, Falk Quenstedt und Tilo Renz, Das Wunderbare als Konfiguration des Wissens – Grundlegungen zu seiner Epistemologie, Working Paper des SFB 980 Episteme in Bewegung, No. 12/2018, Freie Universität Berlin, S. 2. 

So gibt es Hinweise auf das naturwüchsig Wunderbare in Hinblick auf überdimensionierte, ungewöhnliche, ungeheuerliche Gestalten. Sie sind durch Gaia, deren Produktivität kein Maß und keine Normen kennt, hervorgebracht und damit natürlicher Teil der Welt. Mit Uranos, dem Himmel, gebiert Gaia nicht nur die Titanen, sondern auch zwei Drillingspärchen, deren körperliche Eigenschaften beschrieben werden. Allein die Tatsache dieser Beschreibung kann als Signal für die Abweichung von der Norm verstanden werden, weil bei den übrigen Kindern des Uranos auf derartige Hinweise verzichtet wird. Brontes, Steropes und Arges, die Kyklopen, haben nur ein Auge in der Mitte ihrer Stirn; und Kottos, Briareos und Gyges, die Hundertarmigen, stechen nicht nur durch ihre übermäßige Anzahl an Armen, sondern auch durch ihre jeweils 50 Köpfe hervor. Diese Drillingsgeschwister bleiben lange randständig verborgen, gefesselt durch Uranos. Erst Uranos’ Enkel Zeus befreit zunächst die Kyklopen und erhält von ihnen als Dank die Feuerkraft. Anschließend befreit er die Hundertarmigen, die Uranos aufgrund ihrer Rohheit, Größe und Gestalt gefangen hielt. Zeus kann auch ihre Kraft für sich nutzen und gibt ihnen dauerhaft eine Aufgabe: die Bewachung der besiegten Titanen im Tartaros, weit unterhalb der Erde, in der Dunkelheit, an einem Ort des Schreckens, der zwar abseitig ist, aber dennoch als integraler Bestandteil zum Zeus-Kosmos gehört. Denn Zeus herrscht vermittelt auch hier. Die Unterwelt mit all ihren Schreckensgestalten gehört folglich zur Welt dazu. Alles hängt miteinander zusammen, ist miteinander verbunden. Das Monströse, das Unförmige, das überdimensional Gewaltige kann nicht vernichtet werden. Es befindet sich „am modrigen Ort, am Rand der riesigen Erde“ (Theogonie, v. 731) und stellt „Ursprung und Grenzen“ für alle Bereiche der Welt dar (Theogonie, vv. 736–­739). Damit sind die sich dort befindlichen Gestalten – hierzu zählen neben diesen ungeheuren Mächten im Tartaros u. a. auch der Tod, der Schlaf, Hades und sein Hund Kerberos – auch in verschiedenen Hinsichten randständiger Teil unseres Lebens. Was Gaia hervorbringt, bleibt Teil unserer Welt. Zeus, die Ordnungsmacht, kann diese Gestalten einhegen, einbinden, verdrängen, aber nicht vernichten. Die ungeheuer(lich) erscheinenden Phänomene dieser Welt, die von Ordnung und Maß abweichen, sind daher nicht unnatürlich, sondern im Gegenteil: Ausdruck der grenzen- und maßlosen Schöpfungskraft und Vielschichtigkeit der Natur, nämlich Gaias!

Neben dem Tartaros gibt es bei Hesiod einen weiteren Strang in der Entstehungsgeschichte der Welt, der einerseits an die maßlose Produktivität Gaias erinnert, andererseits indirekt auf die Ordnung des Zeus verweist. Denn Gaia gebiert nicht nur Uranos, den Himmel, sondern auch Pontos, das Meer, aus dem wiederum mit Thaumas nicht nur die wunderschönen Elemente, sondern mit Phorkys und ihren Nachkommen auch die ungeheure und ungeheuerliche Dimension des Meeres entstehen. Hesiod präsentiert mit diesem „Familienstrang“, der sich mit keinem weiteren vermischt, eine Art Monsterkatalog. Hierzu gehören einerseits die Unwesen, die durch Zeus’ Schützling Herakles überwunden werden – ein weiterer Wink auf Zeus’ Ordnungskraft –, aber auch andere Schreckenswesen, die als Nachfahren des Meeres dessen unheimliche Gestalten repräsentieren. In den Beschreibungen fallen, wie schon bei den Kyklopen und Hundertarmigen, die Erwähnungen körperlicher Eigenschaften auf, die aufgrund von Größe, Anzahl oder Zusammensetzung als normabweichend markiert sind.  Zu diesen Wesen gehören die Gorgonen, der dreiköpfige Geryoneus, das monströse Scheusal Echidna, Kerberos, Hydra uvm. Vgl. Theogonie, vv. 270–336.

Der Drache Typhoeus 

Nachdem Zeus nicht nur seinen Vater Kronos gemeinsam mit Gaia überlistet und die Titanen gemeinsam mit den Hundertarmigen in einem monumentalen Kampf besiegt hat, scheint seiner Herrschaft nichts mehr im Wege zu stehen. Doch Gaia möchte sich auch hier, wie wir bereits erfahren haben, nicht einschränken lassen. Gegen eine zu befürchtende kosmische Stabilität bringt sie ihr jüngstes, mit Tartaros gezeugtes Kind ins Spiel: Typhoeus. Schauen wir uns an, wie er beschrieben wird: 

Der hat Arme, die mächtige Taten vollbringen,
und nie ermüden die Füße des kraftvollen Gottes.
Von seinen Schultern ragten hundert Schlangenköpfe,
schreckliche Drachenhäupter, die mit schwarzen Zungen leckten;
an seinen riesigen Köpfen schoss ihm unter den Brauen Feuer aus den Augen,
und bei jedem Blick lohten Flammen aus seinen Häuptern.
Stimmen saßen in seinen grässlichen Köpfen,
die allerlei gräuliche Laute entsandten.
Einmal nämlich tönten sie so, dass es die Götter verstanden,
dann wieder war es der Laut des unbändigen, herrisch brüllenden Stieres,
oder sie brüllten wie ein Löwe, der mutig vor nichts zurückscheut;
auch klang es wie Bellen von Hunden, erstaunlich (thauma) zu hören,
und schließlich war es ein Zischen, von dem die mächtigen Berge hallten.
(Theogonie, vv. 823–834 Die Übersetzungen zur Theogonie folgen Otto Schönberger.)

Typhoeus wird hier dargestellt als eine Art Drache, mit Schlangenköpfen ausgestattet, Feuer speiend, wechselnde Töne von sich gebend. Vgl. zu Darstellungen von Drachen in der Literatur des Mittelalters den Beitrag „Drachengold“ von Jutta Eming. Er repräsentiert einen Anti-Zeus, denn bereits zuvor wurde er unter dem Namen Typhon als schrecklicher, gesetzloser Frevler (vgl. Theogonie, v. 307) beschrieben. Auch seine äußerlichen Merkmale spiegeln das Triebhafte, das Ungeordnete, das Gesetzlose wider. Typhoeus wirkt wie die fleischgewordene Ordnungslosigkeit. Mit ihm drohen Willkür und Tyrannei als Gegenentwurf zur Herrschaft des Gesetzes, für die Zeus später stehen wird. Hesiod deutet kontrafaktisch die Ernsthaftigkeit dieser Bedrohung an: „Fast wäre an jenem Tag unheilbarer Schaden entstanden, und Typhoeus wäre Zwingherr über Sterbliche und Unsterbliche geworden, hätte der Vater der Menschen und Götter nicht scharfe Wache gehalten.“ (Theogonie, vv. 835–839) Typhoeus wird damit ausdrücklich als Gegenpol zu Zeus herausgestellt und verweist damit auch mahnend auf den Zustand einer Welt ohne Ordnungsprinzip.

Entsprechend der grundlegenden Bedeutung dieses Konflikts wird der nachfolgende Kampf auch die gesamte Welt – Himmel, Erde, Meer und Tartaros – erschüttern. Am Ende geht Zeus als Sieger aus diesem göttlichen Drachenkampf hervor: 

Zeus aber nahm alle Kraft zusammen und ergriff seine Waffen,
Donner und Blitz und rauchenden Strahl,
sprang vom Olympos, schmetterte herab
und verbrannte alle die grausigen Häupter des schrecklichen Scheusals.
Und als er Typhoeus mit scharfen Schlägen gebändigt,
brach dieser in die Knie, und es stöhnte die riesige Erde.
Flammen schossen aus dem vom Blitz niedergeschmetterten Herrscher,
der in dunkle schroffe Bergschluchten stürzte.
(Theogonie, vv. 853–861)

Das Wunderbare in Zeus’ Kosmos: Schöpfungskraft und Ordnungsmacht

Zeus besiegt Feuer mit Feuer und schleudert auch Typhoeus schließlich in den Tartaros. Dauerhaft auf der Erde verbleiben von Typhoeus lediglich die zerstörerischen Winde zu Meer und zu Land. Auffällig ist, dass am Ende selbst Gaia – Sinnbild für Festigkeit – in Mitleidenschaft gezogen wird: „Weithin brannte die riesige Erde in unbeschreiblicher Glut und schmolz […] im Strahl des lodernden Feuers.“ (Theogonie, vv. 861–867) Gaia schmilzt. Die eigentlich feste Erde verflüssigt sich. So ist Typhoeus’ Niederlage auch Gaias Niederlage. Gaias Vorliebe der Verbündung mit der jeweils neuen Generation gegen die alte ist damit gebrochen: Kosmische Stabilität ist erst jetzt, nach diesem Kampf, möglich. So gibt Gaia schließlich nach und rät zur Herrschaft des Zeus, der fortan als Prinzip der Ordnung in unserer Welt wirkt. Die zerstörerischen, die schrecklichen, monströsen, ungeheuren Gestalten, die aus Gaia oder ihren Kindern zuvor entstanden sind, sind im neuen Zeitalter aber keineswegs vernichtet. Sie sind jedoch eingehegt, an den Rand gedrängt, haben ihren Platz in den Tiefen des Meeres, am Rand der Welt, in der Unterwelt. 

Durch den Sieg des Zeus erst, oder anders ausgedrückt: nur in Hinblick auf die Welt als geordnete Welt erscheinen uns die naturwüchsigen Geschöpfe mit ihren sonderbaren Gestalten ungeheuerlich. Sie sind zwar nicht Teil des kosmischen Mainstreams, aber dennoch Ergebnis des natürlichen Schöpfungsprozesses. Folglich begegnen sie uns auch gelegentlich als besonders gewaltige, seltene, ungewöhnliche oder randständige Naturphänomene. Ursprünglich sind sie Ergebnisse der ungeordneten Produktivität Gaias – deren Beiname bei Hesiod bezeichnenderweise auch pelorē (πελώρη) ist: die gewaltige, ungeheure, monströse. Mit diesem Wort charakterisiert Hesiod u. a. auch Echidna, die monströse Mutter zahlreicher weiterer Meeresungeheuer (vgl. Theogonie vv. 295–299) oder die riesige Sichel, mit der Uranos kastriert wird (vgl. Theogonie, v. 179). Diese Sichel wiederum wird aus einem „unbezwingbaren“ Material, dem Adamant, hergestellt, (vgl. hierzu den kommenden Beitrag von Carolin Pape) das Gaia ebenfalls nicht nur hervorzubringen, sondern auch trotz seiner Unbezwingbarkeit beliebig zu formen vermag. Sie erscheinen Menschen als wunderbar, wenn sie von ihnen hören oder ihnen begegnen, weil sie außerhalb der bekannten, sich gewöhnlich durchsetzenden Ordnung (des Zeus) sind. Vgl. hierzu auch Giuseppe Nenci, „La concezione del miracoloso in Esiodo“, Critica Storica 31, 1962, S. 251–257, hier S. 252. Und wenn sie Schrecken oder Faszination auslösen, dann wird in ihnen beides erkennbar: sowohl das grenzenlose Potenzial natürlicher Schöpfungsprozesse als auch durch die Wahrnehmung und Erkenntnis des Sonderbaren und Ungeheuren als solchen die eigentliche Norm, die Ordnung, das Maß.

Damit bietet die Darstellung der ungeheuren Phänomene in der Theogonie einen Lobpreis zugleich auf Gaia und Zeus, auf Naturkraft und Ordnungsmacht. Zugleich wird durch diese Darstellung deutlich, dass die Welt beides braucht bzw. dass man in der Welt beide wechselseitig aufeinander bezogenen Aspekte unterscheiden kann und muss, die in der weiteren Philosophiegeschichte in verschiedenen Konzeptpaaren ihren Ausdruck finden werden: Werden und Sein, Materie und Vernunft, Formbares und Form, Potentialität und Aktualität usw.

Künstliche Wunder

Neben den naturwüchsigen Wunderphänomenen gibt es auch die – im weitesten Sinne – künstlich geschaffenen, Vgl. zur Unterscheidung zwischen (göttlichen) miracula und (natürlichen) mirabilia bei Gervasius den kommenden Beitrag von Tilo Renz. wie den Stein, den Kronos aufgrund der List anstelle von Zeus verschluckte und dann ausspie: „Den stellte Zeus auf die breitstraßige Erde im heiligen Pytho am Hang des Parnassos als Zeichen (σῆμα / sēma) für künftige Zeiten und Wunder (θαῦμα / thauma) für sterbliche Menschen.“ (Theogonie, vv. 498–500). Hier verweist das Wunder als Zeichen auf die Macht und Fähigkeiten des Zeus und zugleich auf den Status der Unwissenheit des Menschen. Vgl. hierzu Maria Gerolemou, „Zur Auffassung des Wunders in der griechischen Tragödie“, Mnemosyne 71/5, 2018, S. 750–776, hier S. 752f. Noch deutlicher bezieht sich Hesiod in der Pandora-Geschichte auf das durch göttliche Kunst erzeugte Staunen und die damit verbundene Macht des Wunders (vgl. Theogonie, vv. 570–590). Denn Pandora, diesen Namen verrät uns Hesiod erst in seinen Werken und Tagen, wird von göttlichen Händen derart kunstfertig ausgestattet, dass der Erzähler nicht umhinkommt, immer wieder zu betonen, was für ein „Wunder zu schauen“ (θαῦμα ἰδέσθαι / thauma idesthai) doch dieses Meisterwerk sei, das die Menschen unweigerlich in den Bann ziehe: „Staunen (θαῦμα / thauma) hielt unsterbliche Götter und sterbliche Menschen gebannt, als sie die jähe List erblickten, unwiderstehlich (ἀμήχανον / amēchanonfür Menschen.“ (Theogonie, vv. 588–589)

Das Wunderbare der Dichtung

Göttlich inspirierte Kunst vermag also Staunen und Verzückung hervorzurufen. Hesiod weist damit zurück auf sein eigenes Werk und dessen Voraussetzungen. Denn auch die Fähigkeit und die Inhalte seiner Dichtung werden im Vorwort der Theogonie auf ihren göttlichen Ursprung zurückgeführt. Ohne musische Inspiration gleiche das Leben der Menschen den Tieren: „Hirtenpack ihr, Draußenlieger und Schandkerle, nichts als Bäuche“, (Theogonie, v. 26) schimpfen die Musen auf den am Fuße des Helikon weidenden Hirten Hesiod. Sie erst, die Töchter von Zeus, der Ordnungsmacht, und Mnemosyne, der Erinnerung, geben ihm Auftrag, Befähigung und Inhalt, die Geschichte der Zeus-Herrschaft kunstfertig von Anfang an zu erzählen. Dabei offenbaren sie die zwei Modi musischer Vermittlung: Sie können Geschichten erzählen, die der Wahrheit ähnlich sind oder die Wahrheit direkt verkünden (Theogonie, vv. 27f.). Beiden Modi gemein ist die Orientierung an der Wahrheit: Als Töchter des Zeus und der Mnemosyne (Theogonie, v. 53) ist es ihre spezifische Aufgabe, die göttliche, die gerechte Ordnung unter Zeus (Theogonie, vv. 73–74) ins Gedächtnis zu rufen, und damit die in Zeus begründete Wahrheit so zu vermitteln, dass sie in Erinnerung bleibt. Vgl. ausführlich zu dieser und alternativen Deutungen dieser Verse Christian Vogel, „Hesiod und das (Nicht)Wissen der Dichtung“, in: Dynamiken der Negation. (Nicht)Wissen und negativer Transfer in vormodernen Kulturen, hg. von Şirin Dadaş und Christian Vogel, Wiesbaden 2021, S. 143–166. Wie die auf dem Goldreif der Pandora dargestellten Tiere lebendig wirken – „ein mächtiger Reiz umstrahlte sie, die waren ein Wunder und glichen Wesen mit Leben und Stimme“ (Theogonie, vv. 583f.) –, so versetzt der Dichter der Theogonie die Gesetze unserer Welt in lebhafte Stammbäume und Erzählungen, die zum Staunen anregen, Vgl. zum Verhältnis von Staunen und Dichtung den Beitrag „Ohne Staunen keine Dichtung?“ von Şirin Dadaş. aber anders als der Schmuck der Pandora nicht betäuben, sondern Erkenntnisse vermitteln.  Anders ausgedrückt: wie der Stein von Delphi vermag auch die Dichtung an eine göttliche Macht zu erinnern, nämlich an die Herrschaft des Zeus und damit an die Gesetze und die Ordnung der Welt (Theogonie, v. 66). Das Wunderbare in diesen Geschichten erfüllt hierfür verschiedene Funktionen. Die sonderbaren Sukzessionsgeschichten verweisen auf das Verhältnis von Gewalt, Recht und Herrschaft, die ungeheuerlichen Gestalten, die aus Gaia hervorgehen, auf die maßlose Produktionskraft der Natur und die Notwendigkeit, diese einzuhegen, der wunderbare Stein von Delphi macht uns aufmerksam auf Zeichen in der Natur, die auf die stets obsiegende, göttliche Ordnungsmacht hindeuten, und der wunderbare Schmuck der Pandora führt den Menschen ihren Mangel an Verstand vor Augen und warnt vor den betäubenden Gefahren dumpfen Staunens. Im Hinblick auf das Wunderbare lässt sich damit in der Theogonie eine mehrfach verwickelte Reflexivität feststellen.

Denn sie ist eine Erzählung, die in wunderbarer Weise vom Wunderbaren berichtet, sie ist dabei selbst ein wunderbares „Zeichen“, das auf seinen göttlichen Ursprung verweist – sowohl in den einzelnen Geschichten als auch in den Bedingungen ihres Entstehens: Ein einfacher Hirte wird göttlich inspiriert und in die Lage zu diesem Gedicht über die Anfänge versetzt. Eine sonderbare Geschichte, die uns daran erinnert, unsere Aufmerksamkeit von den sinnlichen Bedürfnissen zu lösen und auf die Anfänge und Bedingungen unseres Seins zu richten, um dadurch Zugang zum Göttlichen, d. h. zu den Prinzipien der Welt und der Ordnung unseres Zusammenlebens zu erhalten.

Christian Vogel ist Gastprofessor für Klassische Philologie/Gräzistik an der Freien Universität Berlin.

Dieser Beitrag erscheint in der Serie Wunder und Wissen.