Salböle spielten eine zentrale Rolle in altägyptischen Bestattungsritualen und darüber hinaus, indem sie die rituelle Versorgung des Verstorbenen für die Ewigkeit gewährleisteten. Der Beitrag identifiziert Beschleunigungsmomente im Hinblick auf die Verbreitung und Verwendung des Wissens über diese Salböle.

Die Frage „Salböl, Salböl, wo bist Du?“ ist Teil einer Spruchfolge, die sich gemeinsam mit Abbildungen von Salbölgefäßen auf der Innenseite der Nordwand des Sarkophags des altägyptischen Wesirs Dagi befindet. Die das Ritual ausführende Person stellte die Frage jedes Mal, wenn sie die Mumie des Wesirs nach dessen Tod symbolisch auf das täglich wiederkehrende Speiseritual vorbereitete und dafür mit verschiedenen Ingredienzen salbte.

Ritualtextsprüche standen symbolisch für die durchgeführten Handlungen und waren auf dem Sarkophag für die Ewigkeit festgehalten, um ideell immer wieder durchgeführt zu werden.

Bei den im Nachfolgenden thematisierten Pyramidentextsprüchen handelt es sich also um Texte, die Wissen über rituelle Handlungen zur Vorbereitung des Speiserituals enthalten und diese Handlungen gleichsam begleiteten.

Die in den Sprüchen beschriebenen Rituale mit den sieben Salbölen wurden nicht wirklich regelmäßig an der Mumie selbst durchgeführt, sondern die Texte, die sie beschreiben, standen symbolisch für die durchgeführten Handlungen und waren auf dem Sarkophag für die Ewigkeit festgehalten, um ideell immer wieder durchgeführt zu werden. Oberhalb der Sprüche sind insgesamt sieben Ölgefäße innerhalb des sogenannten Gerätefrieses (object frieze/frises d‘objets) dargestellt, die den Verstorbenen auch in bildlicher Form mit den Objekten ausstatteten, die in kultischen Handlungen im Rahmen der Bestattung oder dem Speiseritual Verwendung fanden.

Dieses Speiseritual, in dessen Zentrum die Übergabe unterschiedlicher Nahrungsmittel an den Verstorbenen steht, ist auch innerhalb der Opferliste auf der Innenseite der Ostwand des Sarkophags enthalten.

Anderer Ausschnitt der Innenseite des Sarkophags des Dagi mit farbige Zeichnungen und Hieroglyphen. Fotografie: Mohamed Osman

Neben einer aufgemalten Scheintür, die es dem Verstorbenen symbolisch ermöglichte zum Empfang des Opfers aus seinem Sarkophag herauszutreten, sind in Listenform all jene Utensilien, Ingredienzen und Speisen aufgeschrieben, die zur Vorbereitung und Durchführung dieses Rituals notwendig waren. Das Speiseritual, das auch in den monumentalen Inschriften auf den Außen- und Innenseiten des Sarkophags mehrfach genannt wird, ist eine zentrale kultische Handlung des Bestattungsrituals, die das Weiterleben des Verstorbenen und dessen Versorgung im Jenseits garantierte.

Zur Vorbereitung des Rituals wurden nicht nur die erwähnten sieben Salböle verwendet, die in den Sprüchen und Bildern auf der Nordwand und innerhalb der Opferliste auf der Ostwand des Sarges vorkommen, sondern weitere Ritualutensilien wie verschiedenfarbige Augenschminke und ein Stoffstreifen-Paar. Diese Objekte tauchen ebenfalls sowohl in der Opferliste auf der Ostwand als auch in den Sprüchen auf der Nordwand des Sarkophags auf, wo sie oberhalb der Sprüche auch in bildlicher Form wiedergegeben werden.

Das in den Sprüchen enthaltene Wissen zu rituellen Handlungen mit den sieben Salbölen ist auf dem Sarkophag also zusätzlich zu den Texten in bildlicher Form vorhanden, so dass das Wissen hier einerseits in einer anderen medialen Form – als Bild – erscheint, andererseits jedoch durch die gemeinsame Darstellung der Salbölgefäße mit anderen Ritualutensilien einer kultischen Handlung in einen erweiterten rituellen Kontext eingebettet wird.

Solche Darstellungen von Gegenständen, die dem Alltag des Verstorbenen entstammen und/oder mit kultischen Handlungen des Bestattungsrituals verbunden werden können, befinden sich ebenfalls innerhalb des Gerätefrieses auf der Innenseite der Westwand des Sarkophags. Es handelt sich hierbei um Gegenstände wie Schmuckstücke, Stäbe oder Sandalen, die archäologisch häufig im Kontext der Bestattungen als Grabbeigaben belegt sind und auf eine zentrale Bedeutung im Rahmen von kultischen Handlungen hinweisen.

Innenseite des Sarkophags des Dagi mit farbige Zeichnungen und Hieroglyphen. Fotografie: Mohamed Osman

Bild und Text bildeten eine symbolische Einheit, die zur dauerhaften Verwirklichung des Bestattungsrituals beitrug und die rituelle Versorgung des Verstorbenen für die Ewigkeit sicherstellte.

Meist sind diese Objekte thematisch mit den Inhalten der Texte auf dem Sarkophag in Verbindung zu bringen, die sich im Fall des Sarkophags des Wesirs Dagi auf allen vier Innenseiten und auch dem Boden befinden. Die Grabbeigaben und die auf dem Sarkophag vorhandenen Bilder und Texte in Form von Sprüchen oder der Opferliste bildeten eine symbolische Einheit, die zur dauerhaften Verwirklichung des Bestattungsrituals beitrug und die rituelle Versorgung des Verstorbenen für die Ewigkeit sicherstellte.

Das Wissen um die kultischen Handlungen, die hierfür notwendig waren, erscheint in textlicher Form erstmals in der Pyramide des Unas, ehe es zunächst in Pyramiden weiterer Könige und dann Königinnen auftauchte, um anschließend auch Element der Dekoration von Särgen und Sarkophagen hoher Beamter wie Dagi zu werden.

Der Sarkophag des Dagi aus Theben mit den darauf befindlichen Bildern und Texten zu Ritualen um die sieben Salböle ist ein Beispiel für Objekt gewordenes rituelles Wissen, dessen Transfer nicht nur über eine lange Zeitspanne, sondern auch über geographisch weite Entfernungen erfolgte und einen immer größer werdenden Kreis an Akteuren einband. Zudem erscheint das in den Sprüchen enthaltene Wissen zum Ritual um die Salböle auch in bildlicher Form und Darstellungen von Salbölgefäßen und weiterer Ritualutensilien, die in kultischen Handlungen wesentlich waren, sind oberhalb der Texte angebracht. Das Wissen zu diesen Handlungen kommt auf dem Sarkophag somit in unterschiedlichen medialen Formen – Text und Bild – vor, die für die symbolische Realisierung des Rituals zusammenspielten und unterschiedliche Aspekte des Rituals sichtbar machen.

Als Wesir gehörte Dagi zu den höchsten Beamten der Zeit des frühen Mittleren Reiches. Es war ihm nicht nur möglich, sich ein Grab in der Nähe des Tempels von König Mentuhotep II. (2009 – 1959 v. Chr.) zu erbauen, sondern auch sein Grab mit allem auszustatten, was für ihn und seine Reise ins Jenseits wichtig war.

Das Kernstück dieser Ausstattung stellte der steinerne Sarkophag dar, der die Mumie des Dagi umhüllte und schützte und der mit Bildern und Texten ausgestattet ist, die den Verstorbenen während der Bestattungsriten und auf seiner Reise ins Jenseits begleiteten.

Der Sarkophag ist aus Kalkstein gefertigt, einem Material, das im Alten Ägypten seit dem 3. Jt. v. Chr. für Objekte genutzt wurde, die Stabilität und Permanenz verkörpern sollten. Sein ursprünglicher Aufstellungsort war eine aus dem Felsen gehauene Vertiefung in der Sargkammer des Grabes T(heban)T(omb) 103 (MMA 807) in Deir el-Bahari in Theben. Erstmals dokumentiert wurde das Grab von Richard Lepsius im Rahmen der Preußischen Expedition 1844/45. In den Ausführungen von Lepsius findet sich sowohl eine ausführlichere Beschreibung des Grabes selbst als auch eine Zeichnung des Sarkophags.

Heute steht der Sarkophag des Dagi im Ägyptischen Museum in Kairo, wohin er 1883 von Gaston Maspero transportiert und in den Catalogue général des antiquités égyptiennes du Musée du Caire (CG 28024) aufgenommen wurde.

Fotografie der Innenseite des Sarkophags des Dagi mit farbige Zeichnungen und Hieroglyphen. Fotografie: Mohamed Osman

Auf der Innenseite der Nordwand dieses Sarkophags befinden sich Sprüche, die die rituellen Handlungen mit den sogenannten sieben Salbölen beschreiben – es sind die Pyramidentextsprüche PT 72 bis PT 77, PT 79 sowie PT 81 – und aus denen auch die zitierte Frage „Salböl, Salböl, wo bist Du?“ stammt.

Diese Sprüche sind erstmals im Alten Reich in der Sargkammer der Pyramide des Unas, dem letzten Herrscher der 5. Dynastie (ca. 2321 – 2306 v. Chr.) in Saqqara vollständig belegt. Sie befinden sich hier auf der Nordwand des Raumes. Auch in der nachfolgenden Zeit wurden die Sprüche innerhalb von Pyramiden von Königen – und später auch Königinnen – des Alten Reiches stets an der Nordwand der Sargkammer angebracht. Die weiteren Texte, mit denen die Sprüche zu den sieben Salbölen kombiniert sind, sind hier stets dieselben und die Sprüche somit fest in eine Textfolge eingepasst, die sie in die vorbereitenden Handlungen des Speiserituals einordnet.

Am Ende der 5. und in der ersten Hälfte der 6. Dynastie waren die Sprüche zu den sieben Salbölen ausschließlich Teil der Ausstattung königlicher Pyramiden in Saqqara.

Mit der Übernahme dieser Pyramidentextsprüche in die Pyramiden von Königinnen geriet auch das darin enthaltene Wissen in Bewegung.

Das Vorkommen der Texte in den Pyramiden der Königinnen Neith und Udjebten in der Regierungszeit Pepis II. zeigt aber, dass sich der Rezipientenkreis dieser Sprüche am Ende des Alten Reiches ausdehnte und sich mit den Texten auch das darin enthaltene Wissen ausbreitete. Denn nicht nur die Orte, an denen die Sprüche in Stein manifestiert wurden, vermehrten sich, sondern damit zusammenhängend auch der Kreis der Personen, die damit betraut waren, die Texte an den Grabwänden anzubringen: Handwerker und Künstler. Zugleich vergrößerte sich durch die Zugänglichkeit der Texte für Königinnen der Kreis der in die rituellen Handlungen involvierten Personen wie Priester, die die Texte kannten, rezitierten und anwandten. Mit der Übernahme dieser Pyramidentextsprüche in die Pyramiden von Königinnen beschleunigte sich nicht nur die Verbreitung der Texte, sondern geriet auch das darin enthaltene Wissen in Bewegung zumal immer mehr Akteure am Wissenstransfer beteiligt waren.

Ab der 11. Dynastie (ca. 2080 – 1940 v. Chr.) tauchen die Sprüche dieser Spruchfolge zu den sieben Salbölen auf Sarkophagen und Särgen hoher Beamter, wie dem des Wesir Dagi, auf. Sie sind auf Objekten in Saqqara, Lischt, Beni Hassan, Deir el-Bersheh, Meir und Theben belegt, wobei die mit Abstand meisten Quellen aus Saqqara und Theben stammen.

Die Sprüche zu den sieben Salbölen auf Särgen und Sarkophagen erscheinen nun in unterschiedlichen rituellen Kontexten und werden somit in einen größeren rituellen Rahmen eingebettet.

Die Texte und das darin enthaltene Wissen zu rituellen Handlungen kamen demnach nicht nur deutlich häufiger als zur Zeit des Alten Reiches vor, sondern wurden auch auf andere Textträger – Särge und Sarkophage – übertragen und erfuhren darüber hinaus eine deutlich größere geographische Verbreitung über ganz Ägypten. Zudem wurden die Sprüche zu den sieben Salbölen auf den Särgen und Sarkophagen mit unterschiedlichen Texten kombiniert, die – im Gegensatz zu den Texten auf der Nordwand in den Pyramiden des Alten Reiches – nicht nur die mit dem Speiseritual verbundenen Handlungen beschreiben, sondern weitere Rituale wie beispielsweise das Mundöffnungsritual wiedergeben, das der Belebung des Verstorbenen diente. Auf diese Weise erscheinen die Sprüche zu den sieben Salbölen auf Särgen und Sarkophagen nicht ausschließlich im Rahmen des Speiserituals wie in den Pyramiden des Alten Reiches, sondern werden in unterschiedliche rituelle Kontexte und somit einen größeren rituellen Rahmen eingebettet.

Eine epistemische Beschleunigung des Transfers der Sprüche zu den sieben heiligen Ölen und des darin enthaltenen Wissens zeigt sich in der zunächst geringen und dann immer größer werdenden Anzahl an Quellen, einer zunehmenden geographischen Ausbreitung sowie einer Einbindung einer wachsenden Zahl von Akteuren in den Transferprozess. Darüber hinaus erfolgt eine Neukontextualisierung des Wissens auf Särgen und Sarkophagen, indem die Sprüche mit verschiedenen Texten kombiniert und somit in einen größeren rituellen Rahmen eingebettet werden. Dies wird auch dadurch sichtbar, dass oberhalb der Texte neben den Salbölgefäßen weitere zentrale Ritualutensilien im Gerätefries erscheinen und so das Wissen zu den Ritualen und deren Kontext auch in bildlicher Form festgehalten ist. Anhand des steinernen Sarkophags des Dagi werden diese verschiedenen Aspekte des Geschwindigkeitswechsels im Wissenstransfer der Pyramidentextsprüche zu den sieben Salbölen greifbar.

Elisabeth Kruck ist Ägyptologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich „Episteme in Bewegung“.

Dieser Beitrag ist Teil der Serie Epistemische Beschleunigung.