Wie weit trägt der Vergleich zwischen den Prüfungsformen an den frühneuzeitlichen Akademien in Korea und in Frankreich? Entlang des Leitfadens Wissen im Wettbewerb stellt sich tatsächlich ein neuer Blick auf die Praktiken der Gelehrsamkeit in diesen wirkmächtigen Institutionen ein.

Eine der grundlegenden Einsichten dieser Serie besteht darin, dass die Examen an den Akademien in Korea, wie Martin Gehlmann im ersten Teil der Reihe gezeigt hat, sichtlich Züge des gelehrten Wettstreits aufweisen. Zugleich wohnt dem kompetitiven Wissensformat der Preisfragen an den französischen Akademien vielmehr als ursprünglich angenommen ein Element der Prüfung, des Abprüfens von Wissen, inne. Tatsächlich ist es gerechtfertigt, von einem spezifischen Wissen im Wettbewerb zu sprechen, das in beiden akademischen Gelehrtenkulturen durchaus ähnliche Formen zeitigt, und dies sowohl was die einschlägigen institutionellen Strukturen und Verfahren anbelangt als auch die Prüfungsgegenstände. Der letzte Teil dieser Serie will daher den Ertrag des transkulturellen Vergleichs zu akademischen Prüfungspraktiken in Frankreich und Korea auswerten. Dabei werden die einschlägigen Aspekte stärker aus der französischen Perspektive behandelt und in ihren Konsequenzen beleuchtet – ein Ungleichgewicht, das dem Umstand der einseitigen Kompetenz des verbleibenden Autors der Reihe geschuldet ist.

Aufschlussreich ist zunächst der Blick auf die konkreten Prüfungsformate. An den koreanischen wie den französischen Akademien wurden den Kandidaten (und Kandidatinnen im französischen Fall), wie wir gesehen haben, Gedichte beziehungsweise Reimprosa zu vorbestimmten Themen aufgegeben und die jeweils besten Arbeiten des Teilnehmerfeldes ausgezeichnet. Außerdem stellte das Verfassen von Aufsätzen nach etablierten Regeln der Beweisführung und der sprachlich-stilistischen Gestaltung eine maßgebliche Fertigkeit dar. Hierbei war in beiden akademischen Kulturen das Argumentieren in der agonalen Form von pro und contra zentral, um zur besten Lösung der Fragen und gestellten Probleme zu gelangen.

Was die Evaluation des verhandelten Wissens anbelangt, so zeugt gerade diese im französischen wie im koreanischen Fall von dem herausragenden Stellenwert, der den Prüfungen an den jeweiligen Akademien zukam. Die Beurteilung der Eingaben erfolgte mit großer Sorgfalt und im Rahmen eines stark regelorientierten, zeitintensiven Prozesses. Nach der Entscheidung über die ausgeschriebenen Themen wurden eigene Kommissionen eingesetzt, denen die schriftlichen Arbeiten ohne Angabe der Namen der Verfasser·innen zur Bewertung vorgelegt wurden. Die Einreichungen wurden intern ausgiebig diskutiert und, wie die einschlägigen Überlieferungen zeigen, kritisch kommentiert. Die Ergebnisse wurden bei den zeremoniellen Akademiesitzungen öffentlich bekanntgegeben und die jeweils besten Eingaben mit Preisen ausgezeichnet.

Die Bewertungsmaßstäbe der akademischen Jurys waren dabei in Fernost wie in Europa doppelter Natur.

Expliziten, stärker formalisierbaren Kriterien standen latente Protokolle wie Klarheit, Stil und Eleganz gegenüber. Gerade letzteren kam dabei besondere Bedeutung zu, da sie die Evaluationsprozesse schließlich nachhaltiger beeinflussten als messbare Kriterien wie die metrische Präzision der verfassten Gedichte oder die formallogische Stringenz der Argumentation. Zudem stellten sie wie gesehen wichtige Faktoren des epistemischen Wandels dar.

Die Mündlichkeit und das grundlegende Verständnis, dass die akademischen Wissensverhandlungen ideell wie praktisch der Debatte unter Anwesenden verpflichtet sind, bilden einen weiteren essentiellen Pfeiler, der der Gelehrtenkultur an den koreanischen und den französischen Gesellschaften gemein ist. Ist dies im Kontext der Sosu Akademie, wo ein Gutteil des Prüfungswesens tatsächlich mündlich vonstatten ging (siehe Teil I der Serie), ohnehin evident, so gilt dies für die französischen Sozietäten mit ihren textbasierten „concours“ nicht minder. Auch wenn die Wettbewerbe, wie wir gesehen haben, bereits ab ihrer Ankündigung im Medium der (Druck-)Schrift und unter Verwendung sogar der periodischen Presse organisiert waren, blieb das Leitbild für die Redaktion wie die Evaluation der Beiträge ein mündliches. Der Stil der Eingaben war ganz auf die Adressierung eines in Präsenz versammelten Publikums ausgerichtet. Auch beim concours académique hatte das gesprochene Wort einen festen und prominenten Platz, nämlich in Form der Verlesung des siegreichen „discours“ vor den versammelten Akademiemitgliedern bei der feierlichen öffentlichen Sitzung (séance publique). 
Schließlich eint beide Arten von Gelehrtengesellschaften eine spezifische Form der Selbstdarstellung und Profilierung in der Öffentlichkeit: Sowohl die koreanischen als auch die französischen Akademien legten größten Wert darauf, sich von den etablierten staatlichen Bildungsinstitutionen scharf abzugrenzen und sich als Institutionen eigenen, ja neuen Typs zu präsentieren, die mit den herkömmlichen Methoden der Gelehrsamkeit gebrochen hatten. Auch wenn die Akademien in Frankreich anders als die koreanischen Gesellschaften keine privaten Gründungen, sondern fest in das monarchische System integriert waren, verfügten sie als eigene Korporationen mit verbrieften Rechten und Privilegien doch über ein gewisses Maß an institutioneller Unabhängigkeit.

Zugleich zeigt sich gerade an den Prüfungsformen der koreanischen und der französischen Akademien, wie ambivalent der von ihnen behauptete Status als Gelehrteninstitutionen eigener Art tatsächlich war. Besonders mit Blick auf die konkreten Praktiken der Gelehrsamkeit waren sie tief in überwölbende Traditionslinien eingebettet. So ist im Falle der Sosu Akademie, die schon früh auch offizielle Patronage durch den Staat erhielt, eine unverkennbare Anpassung der Lehre an Inhalte und Formen der Staatsprüfungen festzustellen. Sie reichte, wie Martin Gehlmann im ersten Teil der Serie gezeigt hat, bis hin zum Evaluationssystem und den konkreten Bewertungskriterien der Akademie.
Im Fall der französischen Sozietäten ist die Diskrepanz nicht minder auffällig. Die Preisausschreiben griffen eine Praxis auf, welche die Autoren schon seit dem jesuitischen Collège, also dem Schulunterricht, kannten, wo vorgegebene Themen nach etablierten Argumentationsmustern abgehandelt und die besten Arbeiten gekürt wurden. Mit den Preisausschreiben knüpften die Akademien de facto an die rhetorische und dialektische Tradition der Frage an und damit an eine Wissenstechnik, die ihre entscheidende Prägung in der Scholastik und der universitären Disputation erfahren hatte.

Für die transkulturelle Perspektive auf das Phänomen Wissen im Wettbewerb ist dieser Befund von doppelter Bedeutung. Zum einen ist bemerkenswert, dass sowohl im Fall der koreanischen als auch der französischen Akademien eine eklatante Diskrepanz zwischen der Selbstdarstellung der Gelehrtengesellschaften und den Langfristtraditionen der vorherrschenden Wissenspraktiken bestand. Bedenkt man zudem, dass die Akademien in Frankreich sich stets als innovative Institutionen der Kooperation und des unparteilichen Diskurses präsentierten (worin ihnen die wissensgeschichtliche Forschung lange Zeit gefolgt ist), sie zugleich mit den Preisfragen jedoch an der agonalen Wissenskultur der Universitäten und den konventionellen Methoden der Schulen partizipierten, wird das Wettbewerbswissen zum Vektor einer grundlegenden Verschiebung des Blicks auf die Gelehrtengesellschaften. Auch wenn die Konsequenzen dieses Blickwechsels abschließend primär für die französischen Akademien beschrieben werden, so ist dieser doch nur durch den interkulturellen Ansatz der Serie zu akademischen Prüfungspraktiken in Korea und Frankreich möglich. 

In der vergleichenden Perspektive erscheinen diese Gelehrtengesellschaften als Orte, an denen Autorität, Kanonpflege, moralische Anleitung, Mündlichkeit und religiöse Diskurse eine große Rolle spielten.

Tatsächlich ermöglicht es die Vergleichsperspektive, die in der Forschung massiv abgeblendete traditionale, religiöse und rituelle Dimension der französischen Akademien wieder freizulegen und diese als Wissensinstitutionen zu begreifen, die tief in die alteuropäischen Überlieferungskontexte bis zur Antike eingebettet waren. Noch viel zu sehr gelten die französischen Akademien, die als ‚reinster’ Typus der westlichen Sozietäten insgesamt betrachtet werden, in der Nachfolge der einschlägigen wissensgeschichtlichen Arbeiten seit den 1970er und -80er Jahren als moderne, säkulare und spezialisierte Forschungseinrichtungen, ausgelegt auf Teamwork, naturwissenschaftliche Fakten und objektive Wahrheitssuche. In der vergleichenden Perspektive von Wissen im Wettbewerb erscheinen diese prestigeträchtigen Gelehrtengesellschaften vielmehr als Orte, an denen Autorität, Kanonpflege, moralische Anleitung, Mündlichkeit und nicht zuletzt religiöse Diskurse und Deutungsmuster bis weit ins 18. Jahrhundert hinein eine große Rolle spielten.      

Kommen wir zunächst auf das bereits erwähnte Beispiel der frühen rhetorischen Preisfragen an der Académie française zurück, der sogenannten „prix de dévotion“ (Frömmigkeitspreise; siehe Teil II). Hier ging es primär, wie die gekürten Antworten zeigen, um die Bestätigung eines institutionell beglaubigten Wissens sowie um die Einordnung von tradierten Thesen in einen feststehenden – und offensichtlich zu pflegenden – Kanon von Autoritäten. Diese waren, passend zu den beim concours académique verhandelten Themen, religiöse Autoritäten, die Kirchenväter, Heilige und die Schriften der Bibel selbst, die von einigen wenigen antiken Autoren (speziell Aristoteles und Cicero) arrondiert wurden. Als Garanten der christlichen Tugend- und Heilslehre standen sie über aller Kritik.

Als sakrosankt muss zudem auch die Autorität des Herrschers gelten, dem als obersten Patron der Akademien und Inkarnation christlicher Moralvorstellungen die Poesiewettbewerbe in Paris und der Provinz bis weit ins 18. Jahrhundert hinein ungebrochen ihre hymnische Reverenz erwiesen. Der religiöse Ordnungsrahmen war schlechthin verbindlich und auch durch Zensur abgesichert, im Fall der Académie française, wie bereits erwähnt, durch zwei für den concours zuständige Theologen der Sorbonne. Zudem kam es auch zu akuten Interventionen von kirchlicher und staatlicher Seite, wenn einzelne Eingaben, aber auch bestimmte Themenstellungen der Akademien selbst für politisch oder moralisch unangemessen befunden wurden.

Im Lichte des transkulturellen Vergleichs ist auch ein weiteres wichtiges Unterscheidungskriterium zwischen den Gelehrtengesellschaften in Korea und Frankreich zu relativeren. An den französischen Akademien existierten (mit Ausnahme der Kunstakademien) keine Formen des Unterrichts oder der Ausbildung in Lehrer-Schüler-Verhältnissen. Letztere waren im koreanischen Fall maßgebend (siehe Teil I der Serie). Mitnichten ist der französische Institutionentypus deswegen aber als spezialisierte Stätte einer rein wissenschaftlichen Funktionselite zu betrachten. Die Preisfragenliteratur, speziell die Wettbewerbsform der Eloge auf große historische Persönlichkeiten, zeigt vielmehr, dass auch an den französischen Akademien der Anspruch auf ein sittliches Lebensideal, auf moralische Vorbildlichkeit, ja auf Menschenführung und Erziehung bestand. Der concours académique stellte hierfür das spezifische Medium dieser dem Unterricht eigentlich abholden Einrichtungen dar.     

Schließlich verliert auch ein vermeintliches Alleinstellungsmerkmal des concours académique beim genaueren Vergleich mit den koreanischen Akademien an Bedeutung, nämlich die Publizität und die Neuartigkeit von dessen printmedialen und periodischen Verbreitungsmitteln. Was die soziale Zusammensetzung der Teilnehmerschaft anbelangt, so trugen zu den rhetorischen Preisfragen als einer der zentralen Säulen des concours vor allem männliche Personen bei, die an der Universität eine Ausbildung in den Fächern des Triviums, also in Grammatik, Dialektik und Rhetorik, durchlaufen hatten. Darunter war auch eine Vielzahl von Klerikern. Somit reduziert sich der reale Teilnehmerkreis bei den rhetorischen Preisfragen trotz der prinzipiell adressierten breiten anonymen Öffentlichkeit beträchtlich. Tatsächlich lag er abgesehen von einigen virulenten Themen bei durchschnittlich etwa 15 Eingaben pro Ausschreibung. Der Unterschied zu einer Prüfungsklasse an der Sosu Akademie ist also so groß nicht, wie sich am Ende dieser Vergleichsreihe festhalten lässt. Auf jeden Fall kann trotz des freilich größeren und heterogeneren Einzugsfeldes des concours académique bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht von einem echten Massenpublikum die Rede sein. Auch fand die Öffentlichkeit als Verfahrensprinzip der Preisausschreiben buchstäblich vor den Toren der Akademien ihr Ende, insofern die rein internen Evaluationsprozesse vor dem Publikum verborgen wurden.

Eine rituelle Dimension wohnte bei aller ‚Modernität’ der Kommunikationsmedien auch dem concours académique inne. In der Zeremonie der öffentlichen Sitzung, bei der am Gedenktag Ludwigs des Heiligen nach der Messfeier der Sieger dem versammelten Publikum aus geistlichen und weltlichen Standeseliten verkündet wurde, kam sie nur allzu deutlich zum Ausdruck. Hier wurde dem anonymen Verfasser ein Name gegeben und durch die Spruchmacht der Akademie die höhere Würde einer überzeitlichen Autorität zuteil – getreu dem Motto der Académie française: „A l’immortalité“ (Zur Unsterblichkeit). So erweist der transkulturelle Blick auf die Prüfungspraktiken der Akademien in Korea und Frankreich einmal mehr die Macht von Langfristtraditionen des Wissenstransfers.

Martin Urmann ist Romanist und arbeitet als Post-Doc am SFB 980 Episteme in Bewegung.

Dieser Artikel ist der dritte Beitrag der Serie Wissen im Wettbewerb.