Steht das abgeprüfte Wissen höherer Bildungsinstitutionen in Stein gemeißelt? Mitnichten, wie die Preisfragen der frühneuzeitlichen Akademien in Frankreich zeigen.

Evaluationen im Allgemeinen und Prüfungen im Speziellen nehmen an gelehrten Institutionen, die Wissen beglaubigen und verbreiten, einen zentralen Platz ein. Das Wissen bleibt jedoch nicht statisch, sondern erfährt, so die These dieser Serie von Beiträgen, als Prüfungswissen einen Wandel, der bis zum Geltungsstatus kanonisierter Texte reichen kann. Ein vergleichender Blick auf die Prüfungspraktiken von Akademien im frühneuzeitlichen Frankreich und in Korea (siehe Teil I der Serie) zeigt, welche Rolle „Wissen im Wettbewerb“ bei der Aushandlung von Geltungsansprüchen spielen kann.

Zunächst scheinen die Verhältnisse im Fall der französischen Akademien des 17. und 18. Jahrhunderts deutlich anders als in Ostasien gelagert zu sein. Denn lange Zeit galten die französischen Akademien in der Forschung als wegweisende Institutionen, die nicht tradierte Wissensbestände pflegen – wie es die Akademien Koreas ihrem Selbstverständnis nach tun –, sondern innovative Forschung vorantreiben wollten. Ein genauerer Blick auf die bestimmenden Wissenspraktiken, speziell jene Art von Prüfungswissen, wie es die Preisfragen der französischen Akademien hervorbrachten, fördert jedoch bedeutende Überschneidungen zwischen den Gelehrteninstitutionen in Korea und Frankreich zutage – ohne dass im Vergleich die kulturelle Differenz hinter einer glättenden Einheitsperspektive (gar nach europäischem Maßstab) verschwindet. Wie aber hat man sich zunächst die Bedingungen des Wissenswettbewerbs in den Preisfragen, dem „concours académique“, und die Bewertungsmethoden der akademischen Jurys vorzustellen? 

Prüfungswissen à la française – Die Preisfragen und ihr institutioneller Rahmen an den französischen Akademien

Die Premiere des concours académique fand standesgemäß an der ersten Akademie des französischen Staates, der Académie française, im Jahr 1670 statt, und zwar in den Disziplinen Rhetorik (éloquence) und Poesie. Wie in Korea wurden also auch an den Akademien in Frankreich Gedichte zu vorgegebenen Themen den Konkurrenten aufgetragen, zuerst zum unumschränkten Lob der Weisheit des französischen Königs, das Duell abzuschaffen. Siehe die gekürte Ode „Le duel aboli“ von Bernard de la Monnoye, in: Recueil de plusieurs pièces d’éloquence et de poésie présentées à l’Académie française pour les prix de l’année 1671, Paris 1696, hier S. 329–333. Die regelmäßig ausgeschriebenen Wettbewerbe zeitigten alsbald großen Erfolg beim Publikum und wurden zu einem der zentralen, mit enormem materiellen und zeitlichen Aufwand betriebenen Tätigkeitsbereiche der Akademien, auch an den zahlreichen Neugründungen in der Provinz. Traten mit der schnell ansteigenden Wettbewerbszahl ab den 1720er Jahren auch Preise in den neuen Disziplinen Naturwissenschaften und Geschichte mit hinzu, blieben Poesie und Eloquenz jedoch das traditionelle Kerngeschäft des concours académique bis zu seiner Abschaffung während der Französischen Revolution. 

Abb. 1: Ausgabe der ersten Preisschriften an der Académie française von 1671.

Für die praktische Regelung der Preisausschreiben war die Verbindung von drei charakteristischen Verfahrensprinzipien maßgebend: die allgemeine öffentliche Zugänglichkeit, die Anonymität und die Publizität der Wettbewerbe. Der concours académique war tatsächlich offen für alle, insofern es keinerlei formalen Ausschluss über Stand, Geschlecht, Besitz, Einkommen oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bildungsinstitution gab. Mitmachen konnte also theoretisch jeder, der schreiben konnte, auch Personen niederen Standes – und Frauen, die insgesamt etwa ein Prozent der Teilnehmenden ausmachten. Praktisch aber war die Einweihung in die altehrwürdigen Regeln der Rhetorik sowie in die höheren Künste des guten französischen Stils ein nicht zu unterschätzender impliziter Ausschlussmechanismus. Diese Protokolle formten die letztlich doch überschaubare Prüfungsgemeinde des concours académique, zumindest in den traditionellen Disziplinen Poesie und Eloquenz, wo die durchschnittliche Teilnehmer*innenrate bei etwa 15 Eingaben pro Wettbewerb lag.

Praktisch aber war die Einweihung in die altehrwürdigen Regeln der Rhetorik sowie in die höheren Künste des guten französischen Stils ein nicht zu unterschätzender impliziter Ausschlussmechanismus.

Wer bei den Preisfragen mitmachte, war zunächst einmal anonym. Sowohl die Einreichung des Manuskripts als auch die Bewertung durch die Akademie erfolgten auf der Basis der nicht bekannten Identität der Verfasser*innen. Die Regelung an sich war zeitgenössisch ein wohl etabliertes Verfahren, das den (männlichen) Konkurrenten aus dem Schulunterricht an den jesuitischen Kollegien nur allzu vertraut war. Hier mussten sie als Prüflinge Aufsätze zu vorgegebenen Themen verfassen und wurden, erst später mit Namen genannt, im besten Fall vor der Klasse ausgezeichnet. Beim concours académique bedeutete dies praktisch, dass die Teilnehmer*innen zusammen mit ihrer Schrift einen versiegelten Brief beim secrétaire der Akademie einreichten, der zur klassischen lateinischen Devise am Anfang des jeweiligen Textes den Namen des Verfassers bzw. der Verfasserin angab. Erst nach der Auswahl des siegreichen Manuskripts wurde der Brief geöffnet und die Identität der Einsendenden festgestellt. 

Auf dem wohl berühmtesten Beitrag der Preisfragengeschichte, dem mit der Eingabezahl sieben versehenen „Discours“ zur Frage der Akademie von Dijon für das Jahr 1750, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen hat, fanden die Preisrichter lediglich das Motto „Decipimur specie recti“ aus der Ars poetica von Horaz („Wir werden durch den Anschein des Wahren getäuscht“) – und nichts weiter, was auf den Autor Rousseau unter den insgesamt 14 Einsendungen hinwies. Archives de l’Académie de Dijon, fonds privé, 128 J 119, prix de morale 1750, n° 7. Allerdings war dieser vor dem skandalumwitterten Wettbewerb primär nur bei seinen philosophischen Freunden in Paris bekannt. 

Abb. 2: Auszug aus den Sitzungsprotokollen der Akademie von Dijon mit der Auflistung der Eingaben zur Preisfrage von 1750 (inkl. der gekürten Schrift n°7 von Rousseau).

Überhaupt muss man festhalten, dass die Preisausschreiben der französischen Akademien ganz überwiegend von unbekannten Autor*innen aus der mittleren intellektuellen Riege und im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend auch noch bescheideneren Milieus geprägt waren. Die Großen unter den Laureat*innen, wie Rousseau, Fontenelle und Mademoiselle de Scudéry oder Bernoulli, Euler und Lavoisier aufseiten der Naturwissenschaften, stellten sprichwörtlich geniale Ausnahmen im breiten Feld des concours académique dar. Dieses war gesamtgesellschaftlich betrachtet gewiss von einer Bildungselite bestimmt, speziell den Absolventen des universitären Curriculums in Grammatik, Rhetorik und Dialektik, darunter viele Mitglieder des niederen Klerus. Aber wie im geschilderten koreanischen Fall waren es abseits der großen Gelehrten eigentlich durchschnittlich begabte Kandidat*innen, die an den Ruhm und Prestige verheißenden Prüfungen der Akademien teilnehmen wollten.

Abseits der großen Gelehrten waren es eigentlich durchschnittlich begabte Kandidat*innen, die an den Ruhm und Prestige verheißenden Prüfungen der Akademien teilnehmen wollten.

Und ruhmreich gekürt im versammelten Kreise der ehrwürdigen Akademiemitglieder gingen die Sieger*innen aus diesen Wettbewerben allemal hervor. Sie wurden sogar materiell mit der begehrten médaille d’or der Académie française oder an den Provinzakademien einem handfesten Preisgeld von 300 livres (etwa dem Jahresgehalt eines zeitgenössischen Handwerkers) und mehr bedacht. Tatsächlich waren die Preisverleihungen im Rahmen der feierlichen öffentlichen Sitzung (séance publique) der Akademien im engeren Sinne rituelle Veranstaltungen. Zu diesem hoch zeremoniellen Anlass, begangen am 25. August, dem Gedenktag Ludwigs des Heiligen, präsentierte sich die Korporation der Akademiker inmitten der höchsten ständischen Würdenträger, an der Académie française mit dem Segen des anwesenden Erzbischofs von Paris, in der Provinz an der Seite der entsprechenden geistlichen und weltlichen Standeseliten. Dieser repräsentative Rahmen wurde auch genutzt, um die maßgebende Sprechsituation in Szene zu setzen, auf die hin die Beiträge – die „discours“ (Reden) – ideal entworfen waren, den Vortrag vor der versammelten (akademischen) Hörerschaft. So ertönte bei der séance publique aus dem Mund des Juryvorsitzenden für alle Anwesenden vernehmbar der Wortlaut der gekürten Preisschrift. 

Zugleich war der concours académique, um auf das dritte der oben erwähnten Verfahrensprinzipien zurückzukommen, eine auf Publizität, insbesondere auf Schriftlichkeit und printmediale Veröffentlichung, angelegte Veranstaltung. So wurde die Themenstellung der jeweils aktuellen Preisfrage insbesondere über das neueste Medium der Zeit, die kurz vor dem concours académique entstandene periodische Presse, verbreitet. Noch wichtiger im Verfahren war freilich die Publikation der gekürten Preisschriften, just in den neuen Periodika wie dem Journal des Sçavans oder im Falle der renommierten und finanzstarken Akademien in eigens dafür eingerichteten Jahrbüchern, den recueils.

Dennoch war das leitende Ideal, das die Produktion und Evaluation der Einsendungen zum concours bestimmte, nicht die schriftliche Distanzkommunikation, sondern die traditionelle Vorstellung der Mündlichkeit, das Gespräch unter Anwesenden. Dies zeigt sich selbst an unscheinbaren Stellen wie den offiziellen Längenangaben zu den Einreichungen, die eine halbe Stunde Lesezeit nicht überschreiten sollten, ein zweifelsohne interessanter Vergleichsfall zu den Kerzenlängen bei den Prüfungen an den koreanischen Akademien. Solche handwerklichen Details werfen allerdings die Frage auf, wie die Jurys bei der Bewertung der Preisschriften zu Werke gingen.

Die Evaluationspraxis und der Wissenstransfer in den Preisfragen

Die Begutachtung des concours académique fußte auf einem komplexen institutionalisierten Prozedere, das auf die Mehrheitsentscheidungen kollektiver Gremien und ihre interne Transparenz und Unparteilichkeit ausgerichtet war. So bildeten die Akademiemitglieder je nach Wettbewerbsdisziplin eigene Auswahlkommissionen und legten nach intensiven Diskussionsprozessen ihre begründete Entscheidung der gesamten Sozietät oder repräsentativen Ausschüssen zur Abstimmung vor. Unübersehbar ist dabei das zeitintensive Bemühen, die Urteilsinstanz, die über die Fragen der Gelehrsamkeit entschied, auszuweiten und jedweden Geist der „partialité“ zu vermeiden, wie in den Ausschreibungen allenthalben betont. Die akademischen Jurys waren so fast während der Hälfte der ca. 25 internen Sitzungen pro Jahr mit der Auswahl und Bewertung der Preiseingaben beschäftigt.

Abb. 3: Auszug aus dem Jurybericht der Académie de Besançon zur Preisfrage von 1756.

Nehmen wir hierfür wieder die Preisfrage der Académie de Dijon von 1750 als ein berühmtes, aber verfahrensmäßig absolut typisches Beispiel. Aus den Sitzungsprotokollen wissen wir, dass nach der Ausschreibung des Preises im Oktober 1749 die dreizehn akzeptierten Eingaben (eine wurde abgelehnt) in den internen wöchentlichen Akademiesitzungen ab dem 17. April 1750 nacheinander verlesen und diskutiert wurden. Zwei Monate später wurden sie zur eingehenderen Begutachtung einer insgesamt zehnköpfigen „commission“ aus den Mitgliedern der ausschreibenden classe de morale, Ehrenmitgliedern sowie den Direktoren der Akademie übergeben. Diese übernahm auch die Erstellung desumfangreichen rapport, der, gestützt auf ausführliche Zitate, die Argumentationsstruktur der Manuskripte in der engeren Auswahl rekonstruierte. Der Bericht wurde den versammelten Akademiemitgliedern samt der Urteilsempfehlung in der Sitzung vom 10. Juli 1750 unterbreitet. An deren Ende wurde Rousseau schließlich einstimmig zum Sieger des Wettbewerbs gewählt. Vgl. Archives de l’Académie de Dijon, 128 J 46, fol. 69v–72v.

Gemäß den Satzungen der Académie française waren Dieu, le Roi, les mœurs kategorial der Diskussion entzogen.

Was nun die beim concours académique vorherrschenden Bewertungskriterien betrifft, so ließen diese an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, wenn es um die Markierung inakzeptabler Themen ging. Gemäß den Satzungen der Académie française waren Dieu, le Roi, les mœurs kategorial der Diskussion entzogen. Strittige Fragen des Glaubens waren also auch in diesem vergleichsweise offenen Genre ebenso ausgeschlossen wie kritische Äußerungen zur Politik des französischen Staates oder zum herrschenden moralischen Konsens. Hierüber wachten nicht nur die Akademiker selbst. An der Académie française ließ man sich von zwei Theologen der Sorbonne über die Schulter blicken, denen sämtliche Eingaben vorab zur Zensur vorgelegt werden mussten.

Bewertet wurde freilich aber auch nach Stil- und Formkriterien. Klarheit des Ausdrucks, Stringenz der Argumentation und Eleganz der Diktion lauteten hier die ebenso klassisch normierten wie im einzelnen kaum weiter explizierten Maßstäbe. Von diesen zeugen insbesondere die Urteile in den Juryberichten, gerade auch die kritischen Anmerkungen zu den Einsendungen. Selbst die Lesbarkeit und Sauberkeit der Handschrift verblieben demnach nicht unter der Wahrnehmungsschwelle der Prüfungskommissionen.

Am aussagekräftigsten für die Evaluationspraxis und den – sich wandelnden – Geltungsstatus des Wettbewerbswissens ist der konkrete Blick auf einzelne Preisfragen und die ausgewählten Manuskripte. Hier trifft man allenthalben auf die anhaltende Prägekraft althergebrachter Wissenstechniken. Die Ausschreibungen an der Académie française (wie in der Provinz) waren durchgängig als Entscheidungsfragen oder Thesen formuliert, die zur kontrastierenden Argumentation im Pro/Contra-Schema aufriefen. Wie sie formal den seit der Antike in Rhetorik und Dialektik etablierten agonalen Verhandlungsmodus von Wissen bedienten, griffen sie auch inhaltlich auf traditionelle theologische und moralphilosophische Themen zurück. 

So lautete die Eloquenz-Preisfrage an der Académie française von 1673: „La science du salut est opposée aux vaines et mauvaises connaissances, et aux curiosités blâmables et défendues“ („Die Wissenschaft des Heils ist der eitlen und falschen Erkenntnis und der tadelnswerten und verbotenen Neugier entgegengesetzt“). Die gekürte Schrift bezog tatsächlich vehement für die evidenten Wahrheiten des Glaubens Stellung und pries diese in stärkst möglicher Opposition zur verbotenen philosophischen Neugierde. Siehe die Preisschrift des Abbé de Maupertuis, in: Recueil de plusieurs pièces d’éloquence et de poésie présentées à l’Académie française pour le prix de l’année 1673, Paris 1673, hier S. 1–45.  Kürenswert schien der Jury also auch das tradierte agonale Beweisschema, das eine These verteidigte, indem es die Argumente der Gegenseite unter Bezug auf den klassischen Autorenkanon widerlegte. So erinnern die frühen Preisfragen in der Tat an die schriftlichen Prüfungen, die den Schülern in den jesuitischen Kollegien zu artverwandten Themenstellungen aufgegeben wurden. 

Dies ist bemerkenswert, weil die Akademien seit dem Renaissancehumanismus die Traditionslinie der agonalen Wissensverhandlung, deren bedeutendste institutionelle Form die universitäre Disputation darstellte, stets abgelehnt hatten. Sie präsentierten sich vielmehr als Vertreter einer neuen, kooperativen Wissenskultur, welche die konventionellen Methoden der ‚Schulen’, speziell der Universität, hinter sich gelassen hatte. Wie im Fall der koreanischen Akademien, die die Abgrenzung von den staatlichen Institutionen vorgaben, besteht auch hier eine auffällige Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und konkreter Wissenspraxis. 

Mit dem Fortgang des concours académique in Paris und gerade auch in der Provinz setzte jedoch ein allmählicher Wandel ein. Er zeitigte etwa seit den 1730er Jahren neue Themen und Antworten, die von der Tradition nur noch bedingt gedeckt waren. Die Dijoner Preisfrage von 1750 ist hierfür nur das prominenteste Beispiel. Diese Entwicklung war in die Transformationen der Wissensproduktion in der Gelehrtenrepublik insgesamt und nicht zuletzt auch den aufklärerischen Diskurs eingebettet. Im gegebenen Rahmen besonders aufschlussreich ist jedoch der gewandelte Geltungsstatus des Wettbewerbswissens, wie er aus dem Concours-System als Praxis der Iteration hervorgeht, also der Veränderung qua Wiederholung aus der Institution selbst heraus. Tatsächlich zeigt die Entwicklung der Preisfragen einen gleichsam schleichenden Wissenstransfer, der aus der Modifikation der Themenstellungen und der Öffnung der Jurys für die neuen Erklärungsansätze und Argumentationsmuster in den Eingaben resultiert.

Tatsächlich zeigt die Entwicklung der Preisfragen einen gleichsam schleichenden Wissenstransfer, der aus der Modifikation der Themenstellungen und der Öffnung der Jurys für die neuen Erklärungsansätze und Argumentationsmuster in den Eingaben resultiert.

So brachte etwa die Frage der Académie française nach der Vereinbarkeit der christlichen Gesinnung mit dem sozialen Ideal des „honnête homme“ (1703) eine spürbare Verschiebung des religiösen Tugendkanons in Richtung weltlicher Geselligkeit und gewandter Konversationskultur verglichen mit den vorhergehenden Preisen, etwa zur „Reinheit von Geist und Körper“ (1677) oder zur „wahren und falschen Demut“ (1679), mit sich. Brisanter noch erwies sich die Veränderung der Frage nach der Öffentlichkeit von der These, dass man das öffentliche Urteil respektieren, aber nicht von ihm abhängig sein soll (Académie des Jeux Floraux 1734), hin zur Themenstellung: Warum das Urteil der Öffentlichkeit gewöhnlich frei von Irrtum und Ungerechtigkeit ist (Académie de Besançon 1756). Letztere führte schließlich zur Bejahung der pluralen öffentlichen Meinung als souveräner Urteilsinstanz in der gekürten Schrift von Durey d’Harnoncourt. Bibliothèque municipale de Besançon, Fonds de l’Académie, prix, dossier 17, fol. 182/184–198.

Abb. 4: Manuskript der gekürten Schrift n°3 von Durey d’Harnoncourt zur Preisfrage der Académie de Besançon von 1756.

Es existiert also auch im Fall der französischen Akademien eine Rückkopplung zwischen dem Evaluationssystem und dem dargelegten Wissen der Proband*innen. Das zeigt auch der in den einschlägigen Juryberichten zu beobachtende Abwägungsprozess in der Auswahl der überzeugendsten Argumentation. Diese Rückkopplung reicht bis zum Geltungsstatus des tradierten Kanons. So erscheint etwa der Kirchenvater Augustinus in einem ganz anderen Licht, wenn er statt zur „wahren Demut“ zum Beleg der Geselligkeitstauglichkeit des Christenmenschen herangezogen wird; oder der politische Tugendethiker Cicero, wenn er schließlich als Referenz für die Souveränität der öffentlichen Meinung fungiert.

Bezeichnend ist ferner, dass der wichtigste Wandel in den Argumentationsfiguren der Preisschriften nicht von neuen aufklärerischen Ideen wie etwa dem Leitbild der Unparteilichkeit, sondern von Binnenverschiebungen in den tradierten rhetorischen Mustern selbst herrührt. Der agonale Debattenmodus im pro und contra und der grundsätzlich mündliche Argumentationsgestus werden jedoch im Kern nicht angegriffen. 

Die Befunde zum Wandel des Wettbewerbswissens und seinen Modalitäten gewinnen jedoch erst im weiteren transkulturellen Vergleich mit den koreanischen Akademien und den dortigen Evaluationsverfahren ihre volle Relevanz. Diesen Zusammenhängen soll im dritten Teil der Serie nachgegangen werden. 

Martin Urmann ist Romanist und arbeitet als Post-Doc am SFB 980 Episteme in Bewegung.

Dieser Artikel ist der zweite Beitrag der Serie Wissen im Wettbewerb.