Soll man Könige köpfen? – In der „Chymischen Hochzeit“ wird das empfohlen. Doch nicht, um sich von diesen Königen zu befreien. Sondern, im Gegenteil, um ihr Leben zu verlängern.

Die Könige, die in der „Chymischen Hochzeit Christiani Rosenkreutz Anno 1459“ – wie der 1616 anonym in Straßburg gedruckte Text mit vollem Titel heißt – auftreten, wollen geköpft werden, um dann, zwei Tage später, als Homunculi wiedererweckt zu werden. Homunculi sind in diesem Fall künstlich (nämlich alchemisch) erschaffene Menschen. Was damit in zwei Sätzen zusammengefasst ist, bildet den eigentlichen Kern jenes merkwürdigen Textes, zu dem sich später Johann Valentin Andreae (1586-1654) als Verfasser bekannt hat. Den meisten seiner Leser und Leserinnen galt dieser Text als spirituelle Weisheitslehre, als Initiation in die Geheimnisse des Rosenkreuzes oder als christliche Allegorie. Man kann ihn aber unter wissensgeschichtlicher Perspektive auch ganz anders lesen: nämlich als Satire auf die paracelsistische Alchemie.

Abb. 1: Titelblatt der „Chymischen Hochzeit“, 1616

Der Einsiedler Christian Rosenkreuz wird am Abend des Ostersamstags des Jahres 1459 von einer geflügelten Jungfrau zur Hochzeit des Königs eingeladen. Er macht sich auf den Weg zum Schloss, in dem er eine Reihe von Prüfungen zu bestehen hat. Auf dem Schloss angekommen, wird er Zeuge eines Prozesses, bei dem die Hochzeitsgäste gewogen und die als zu leicht Befundenen bestraft oder sogar hingerichtet werden. Nur eine kleine Zahl von Gästen bleibt übrig. Diese nehmen an einer Zeremonie teil, bei der mehrere Könige ihr Leben in die Hand dieser Gäste legen. Wie wörtlich das zu verstehen ist, zeigt sich, als diese Könige kurz darauf geköpft werden. Die Gäste werden zu einer Insel gebracht, auf der sich mit dem „Turm Olympi“ ein großes und technisch höchst aufwändiges Laboratorium befindet. Unter Anleitung einer Jungfrau arbeiten sie in diesem Laboratorium an der Wiederbelebung der Könige.

Ein Vogel schlüpft aus dem Ei und wird mit dem Blut der enthaupteten Könige gefüttert.

Das beginnt damit, dass Kräuter und Edelsteine gewaschen, zerkleinert und in Essenzen aufgelöst werden. Diese Lösung wird in eine Art Destillationsapparat gefüllt, der über den Körpern der getöteten Könige errichtet wird. Das Destillat tropft auf die Leichname und löst diese auf. Der entstandene „liquor“ wird in eine große, goldene Kugel gefüllt und diese an der Decke aufgehängt. Der Raum, in dem die Kugel hängt, fungiert als großer Brennspiegel, in dem das durch zahlreiche Fenster hereinstrahlende Licht durch Spiegel verstärkt wird. Die Kugel wird in diesem Raum längere Zeit erhitzt, dann mit einem Diamanten aufgeschnitten. Im Inneren findet sich ein großes, schneeweißes Ei. Dieses Ei wird in einem viereckigen Kupferkessel erwärmt. Ein Vogel schlüpft aus dem Ei und wird mit dem Blut der enthaupteten Könige gefüttert. Innerhalb kürzester Zeit wächst der Vogel heran und bekommt erst schwarze, dann weiße, dann bunte Federn. Schließlich wird der Vogel gekocht, bis er alle seine Federn verloren hat. Das Badewasser wird so lange eingesotten, bis ein blauer Stein daraus geworden ist. Der Stein wird zerrieben und zu blauer Farbe aufgelöst, mit der man nun wiederum den Vogel bestreicht. Der Vogel wird geköpft und, nachdem er ausgeblutet ist, verbrannt. Die Asche wird gereinigt, wiederum angefeuchtet und zu einem dünnen Teig verarbeitet. Dieser Teig wird über einem Ofen erhitzt und in „zwey kleine Förmlin“ gegossen. Nachdem er erkaltet ist, werden zwei Homunculi herausgenommen:

„Wir eröffneten die Förmlin, da waren es zwey schöne helle unnd schier durch scheinende Bildlin/ dergleichen Menschen Augen iemalen gesehen/ ein Knäblin und Meydlin: Jedes nur vier sol lang/ und daß mich am höchsten wundert/ waren sie nit hart/ sondern weich und Fleischin/ wie ein anderer Mensch/ doch hatten sie kein Leben.“ Zitate aus der „Chymischen Hochzeit“ nach der Ausgabe Johann Valentin Andreae: Rosenkreuzerschriften, hier S. 394.

Die beiden Homunculi werden auf zwei Kissen gelegt und das Blut des Vogels in ihre Münder getropft. Innerhalb kürzester Zeit wachsen sie zur Größe von Erwachsenen heran. Durch eine Öffnung im Dach fahren die Seelen der getöteten Könige in die Körper der Homunculi und beleben sie. Nach einem kurzen Ruheschlaf werden die Könige geweckt und eingekleidet.

Rudolf Steiner und die esoterischen Rosenkreuzer

Lebensverlängerung durch alchemische Wiedergeburt, so könnte man das vielleicht nennen, was hier am sechsten Tag der „Chymischen Hochzeit“ vorgeführt wird. Diese überaus merkwürdige Beschreibung hat eine ebenso merkwürdige Rezeption gefunden, indem esoterische Bewegungen der Moderne sie (mehr oder weniger) beim Wort genommen haben. Von besonderer Bedeutung in dieser Geschichte des Wissenstransfers ist Rudolf Steiner, der Begründer der „Anthroposophie“. Die „Chymische Hochzeit“ ist für Steiner eine Art spirituelle Offenbarung, eine „Erkenntnis über einen hinter den äußeren Erscheinungen der Welt liegenden Zusammenhang der Dinge“. Rudolf Steiner: „Die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz“, S. 162 und S. 166. Rosenkreuz selbst deutet Steiner 1917 als die ‚Inkarnationsstufe‘ einer „geistigen Individualität“, die in der Geschichte der Menschheit mehrfach aufgetreten sei. Rudolf Steiner: „Das rosenkreuzerische Christentum“. Als „Ätherleib“, der von zwölf „hohen Eingeweihten“ ausgebildet wurde, stünde Rosenkreuz neben Buddha und Christus. Annähernd zeitgleich mit dem Auftreten von Rosenkreuz auf dieser Welt habe sich Buddha auf dem Mars inkarniert und dort für die Bewohner des Mars geleistet, was Christus für diese Welt geleistet habe. Rudolf Steiner: „Die Mission des Christian Rosenkreutz, deren Charakter und Aufgabe. Die Mission des Gautama Buddha auf dem Mars“.

Einer der Nachfolger von Steiner ist Jan van Rijckenborgh (Jan Leene). Mit dem „Lectorium Rosicrucianum“ gründete er eine „gnostische“ Variante der Steiner’schen „Anthroposophie“. 1967 widmete er der „Chymischen Hochzeit“ eine „esoterische Analyse“, wie er das genannt hat. In einer Art interpretierender Paraphrase wird die Erzählung Andreaes dabei zu einer „Mysterienschule“, die in die Geheimnisse der „Gnosis“ einführt. Im Kern geht es auch hier um Reinkarnation als „Lichtgeburt“ und „Wiedergeburt durch die Seele“. Die Alchemie, die im „Turm Olympi“ praktiziert wird, deutet Rijckenborgh als „Prototyp unserer Selbstverwirklichung“. Die Deutung gipfelt in der Aufforderung:

„Wenn auch Sie zu denen gehören, die sich nach Befreiung sehnen, wenn auch in Ihnen das Verlangen erwacht ist, Christian Rosenkreuz auf dem Pfade der Alchimischen [sic] Hochzeit zu folgen, dann wird auch zu Ihnen gesagt: Beginn, gehe, bete und arbeite! Arbeiten Sie mit Ausdauer und öffnen Sie sich durch neue Lebenshaltung für das Gold des Geistes, für die reinigenden, helfenden, drängenden Kräfte der Gnosis. Und Sie werden mit absoluter Sicherheit auf diesem Wege weitergehen, Schritt für Schritt durch alle Phasen, die wir Ihnen anhand der Alchimischen Hochzeit von Christian Rosenkreuz erklärt haben. Sie werden bestimmt Erfolg haben!“ Jan van Rijckenborgh: „Die Geheimnisse der Rosenkreuzer-Bruderschaft“, S. 354.

Seine derzeitige Identität will er nicht preisgeben.

2016 schließlich hat das vierhundertjährige Jubiläum der „Chymischen Hochzeit“ den „Antiquus Mysticusque Ordo Rosae Crucis“ (AMORC) – eine weitere Rosenkreuzer-Gemeinschaft – zu einer „Neue[n] Chymische[n] Hochzeit“ angeregt, deren anonymer Verfasser von sich behauptet, als Reinkarnation von Rosenkreuz 1982 in Paris geboren zu sein. Seine derzeitige Identität will er nicht preisgeben:

„Da ich anonym bleiben möchte, werde ich Ihnen weder mitteilen, wo ich wohne, noch, was ich tue, noch irgendetwas, das Sie zu mir führen könnte. In Übereinstimmung mit den Regeln, die meine Brüder und ich ehedem aufgestellt haben, muss ich unsichtbar bleiben. Vielleicht werden wir uns eines Tages begegnen, aber in diesem Fall werde ich es sein, der auf Sie zukommt. Jedenfalls sollen Sie wissen, dass meine Hingabe an das Rosenkreuz bedingungslos bleibt, und dass dies mein spiritueller Weg ist und bleiben wird, bis zu meiner letzten und endgültigen Reintegration in die universelle Seele.“ „Manifesto. Die Neue Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz. 1616–2016“, S. 4.

Der Verfasser berichtet von einem Traum, in dem er in einem gläsernen Ei erwacht und in einer Art Weltraumreise die sieben Planeten besucht. Am Ende begegnet er „jenseits des siebten Himmels“ dem Phönix, der ihn in die Sonne trägt und dort mit ihm verschmilzt. In dieser „Chymischen Hochzeit“ als einer Verschmelzung wird ihm eine Erleuchtung zuteil: Er wird zum Zeugen der göttlichen Belebung des Universums, wie sie im Anschluss an die Schöpfung stattgefunden hat. Man mag diese Art der Rezeption als reine Esoterik betrachten – aber auch in den (relativ wenigen) akademischen Arbeiten, die sich mit der „Chymischen Hochzeit“ auseinandergesetzt haben, wird diese Erzählung aus einer spirituellen und spiritualistischen Perspektive betrachtet. Bernhard Kossmann etwa sah in der „Chymischen Hochzeit“ einen mystischen Läuterungsweg, John Warwick Montgomery eine Allegorie für die Vereinigung der Seele mit Christus, Regine Frey-Jaun eine Allegorie für die neue Geburt der Kirche aus ihrem Bräutigam Christus. Bernhard Kossmann: „Alchemie und Mystik“; John Warwick Montgomery: „Cross and Crucible“; Regine Frey-Jaun: „Die Berufung des Türhüters“, S. 161.

Das paracelsistische „De natura rerum“

Man kann die „Chymische Hochzeit“ jedoch auch ganz anders lesen, jenseits von kosmischer Erlösung und ‚prototypischer Selbstverwirklichung‘, jenseits aber auch einer christlich zu deutenden Allegorie: und zwar dann, wenn man das alchemische Wissen in den Fokus nimmt, das in diesem Text verarbeitet wird. Die Beschreibung des Prozesses, nach dem in der „Chymischen Hochzeit“ Homunculi hergestellt werden, stammt aus einem paracelsistischen Traktat, der 1572 unter dem Titel „Metamorphosis“ erschienen, aber unter dem Titel „De natura rerum“ in den folgenden Jahren relativ bekannt geworden ist. Theophrast von Hohenheim: Metamorphosis. Hg. von Adam von Bodenstein. [Basel] 1572. Zitate nach Ders.: Sämtliche Werke Bd. I.11, S. 207-403. Zur Authentizität des Textes vgl. Urs Leo Gantenbein: „Real or Fake?“, der mit überzeugenden Argumenten Teile des Textes für authentisch paracelsisch hält. Der Text gilt der „Erzeugung der natürlichen Dinge“ („de generatione rerum naturalium“ lautet der Titel des ersten Buchs) und widmet sich am Anfang der Fäulung („putrefactio“) als notwendiger Bedingung einer Wiedergeburt „mit tausentfacher besserung“ (S. 312). Diese Wiedergeburt beginnt mit dem Ausbrüten eines Hühnereies, was nicht nur durch die Henne geschehen könne, sondern auch „in einem glas und aschen“ (S. 313). Es folgt eine Beschreibung, wie sich jeder beliebige Vogel töten und wiederbeleben lässt, und zwar indem der Vogel in einem „versigillirten cucurbiten“, also dem versiegelten Kolben eines Destillationsapparates, zu Pulver und Asche verbrannt wird. Diese Asche muss dann wiederum in Pferdemist (der in dieser Zeit als natürliche Wärmequelle verwendet wurde) faulen. Aus dem „mucilaginischen Phlegma“ (was auch immer das ist), das daraus entsteht, kann dann ein „renovirter und restaurirter vogel“ ausgebrütet werden.

Die künstliche Zeugung eines Homunculus, die einige Seiten später dargestellt wird, folgt demselben Prinzip, nur dass die Ausgangssubstanz hier nicht ein getöteter Vogel ist, sondern männliches Sperma. Auch dieses wird bei Pferdemist-Temperatur in einem versiegelten Kolben faulen gelassen, bis es „lebendig werde und sich beweg und rege“. Das „durchsichtig corpus“, das nach diesem Zeitraum zu erkennen sei, müsse dann mit dem „arcano sanguinis humani“, also dem „Arkanum des menschlichen Blutes“ (zu denken ist hier wahrscheinlich an den ‚Lebensgeist‘, der als feinstoffliche Substanz als vom Blut transportiert gedacht wurde) „gespeiset und erneret“ werden. Nach 40 Tagen werde daraus „ein recht lebendig menschlich kint“, „mit allen glitmassen wie ein ander kint, das von einem weib geboren“, wenn auch wesentlich kleiner (S. 316f.).

Homunculi entstehen also, indem der männliche Samen nicht in den Uterus der Mutter gelangt, sondern künstlich ausgebrütet wird. Auf dieselbe Art, so der Text weiter, könne man auch Drachen („Basilisken“) erzeugen, wenn man das Menstruationsblut einer Frau in derselben Form ausbrüte. Im Gegensatz zur Zeugung eines Homunculus rät der Text von der Zeugung eines Basilisken allerdings ab (S. 316).

Allerdings ändert sich mit dem Transfer dieses Wissens seine Funktion radikal.

Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Texten – der Wiederbelebung der Könige in der „Chymischen Hochzeit“ und der Zeugung der Homunculi in „De natura rerum“ – sind offensichtlich. Allerdings ändert sich mit dem Transfer dieses Wissens seine Funktion radikal: Denn daran, dass es sich bei der Schaffung der Homunculi, wie sie in der „Hochzeit“ beschrieben wird, um eine satirische Kritik an den Allmachtsphantasien der paracelsistischen Alchemie handelt, kann eigentlich kaum ein Zweifel bestehen. Ähnlich wie zwei Jahrhunderte später, nämlich in Mary Shelleys „Frankenstein or The Modern Prometheus“ (1818), ist die „Chymische Hochzeit“ Andreaes eine Warnung vor der Selbstüberschätzung menschlicher Vernunft, vor einer Neugier („curiositas“), die keine Grenzen kennt.

Abb. 2: Theodor von Holst (1810-1844): Frankenstein, Frontispiz der dritten Ausgabe (1831) von Mary Shelleys „Frankenstein or the Modern Prometheus“

Andreaes Kritik der Neugier

Dass an Andreaes Kritik an einer solchen Neugier kein Zweifel bestehen kann, zeigt eine ganze Reihe von Texten, in denen Andreae diese Kritik ausdrücklich formuliert. Dazu gehört etwa ein Drama, der „Turbo, sive moleste et frustra per cuncta divagans ingenium“, also „der unruhige Geist, der mühselig und vergeblich die ganze Welt durchstreift“. Es erscheint 1616 im selben Jahr wie die „Chymische Hochzeit“. Mit seinem vergeblichen Durchstreifen der Welt ist Turbo eine Figuration der Neugier, verstanden als eine Suche nach der permanenten Ablenkung, als eine Gier nach Neuem, die nichts wirklich erforscht, aber sich für alles interessiert. Im vierten Akt begegnet Turbo mit „Beger“ (Anagramm für Geber) einem der Gründerväter der mittelalterlichen Alchemie. Dessen unverständliche und rätselhafte Äußerungen schrecken Turbo allerdings keineswegs von einer Beschäftigung mit der Alchemie ab, im Gegenteil. Turbo glaubt Beger die Geschichte von dem Mönch „Chimeron“, der im Walde „Sanbois“ in einer Hütte lebt, die er sich aus dem „Lehm der Weisheit“ gebaut hat. Johann Valentin Andreae: Turbo, sive moleste et frustra per cuncta divagans ingenium (1616), S. 373. Von diesem Mönch, behauptet Beger, hätte er die Beschreibung eines alchemischen Prozesses geerbt, der aus fünfzehn Dukaten in einem Jahr sieben Millionen macht. Turbo gibt ihm die fünfzehn Dukaten.

1621 verschärft Andreae in der „Abhandlung über die zerstörerische Kraft der Neugier, an die nach Einzigartigkeit Strebenden gerichtet“ („De curiositatis pernicie syntagma ad singularitatis studiosos“) seine Kritik an der Alchemie. Seitenlang macht Andreae sich dort über deren rätselhafte Sprache lustig, mit der sich abzumühen er als sinnloses Unterfangen ausweist. Zu den Prozessen, die er hier parodiert, gehört sogar ausdrücklich die „homunculiatio“, also die Zeugung von Homunculi. Johann Valentin Andreae: De curiositatis pernicie syntagma ad singularitatis studiosos. Straßburg 1621, S. 14–22.

Andreae lehnt dabei keinesfalls die Alchemie grundsätzlich ab. In der „Christianopolis“ – also in dem Text, in dem Andreae sein Ideal eines christlichen Gemeinwesens entwirft – ist ihr ein ganzes Kapitel gewidmet. Johann Valentin Andreae: Reipublicae Christianopolitanae descriptio (1619) – Christenburg Das ist: ein schön geistlich Gedicht (1626). Neben einer Bibliothek und einem Naturalienkabinett gibt es in Christianopolis auch ein chemisches Labor. Es ist der „scharfsinnigen Alchemie“ („chymicae sagacitati“) gewidmet und „mit erfindungsreichen Öfen und Werkzeugen zur Zusammensetzung und Auflösung“ ausgestattet (S. 235). Die hier praktizierte Alchemie ist die „zuverlässige Hebamme der Natur“, die zum Nutzen der Menschheit „die Kräfte von Metallen, Mineralen, Pflanzen und auch Tieren“ untersucht. Hier gibt es keine Geheimnistuerei, wie in den Laboren der „Chymischen Hochzeit“, sondern ernst genommen wird hier nur, „wer sich in Diskussionen auf Experimente stützt und das, was in den Künsten noch zu unpraktisch ist, durch geeignetere Werkzeuge verbessert.“ (S. 143) Hier, in Christianopolis, werden keine Vögel geköpft, gekocht, gefärbt und wieder erweckt, genauso wenig wie Homunculi gezeugt. Was sich mit „Christianopolis“ ankündigt, ist das Ideal, das Francis Bacon in der „New Atlantis“ (1626) mit dem „House of Salomon“ entwickelt, nämlich das Ideal einer wissenschaftlichen Gesellschaft, einer Akademie der Naturforschung. Knapp fünfzig Jahre später, 1660, wird es die „Royal Society for Improving Natural Knowledge“ sein, die dieses Ideal in die Praxis umsetzt.

Abb. 3: Johann Pfann (1601-1682): Porträt von Andreae, Kupferstich, 1628

Die Naturforschung, wie sie in Christianopolis betrieben wird, steht damit der Neugier, wie sie die „Chymische Hochzeit“ vorführt, diametral gegenüber. Diesen Gegensatz belegt genau der eine Satz, mit dem sich Andreae in seiner „Vita“ dazu bekennt, die „Chymische Hochzeit“ verfasst zu haben:

„Erhalten hat sich dagegen die Chymische Hochzeit – mit einer reichen Nachkommenschaft an Ungeheuerlichkeiten – eine Spielerei, die merkwürdigerweise von einigen geschätzt und höchst scharfsinnig erläutert wurde, etwas gänzlich Nutzloses, das die innere Leere der Wißbegierigen an den Tag bringen sollte.“ Johann Valentin Andreae: Autobiographie, S. 52–55: „Superfuerunt e contra Nuptiae Chymicae, cum monstrorum foecundo foetu, ludibrium, quod mireris a nonnullis aestimatum et subtili indagine explicatum, plane futile, et quod inanitatem curiosorum prodat.“

„Inanitas curiosorum“ ist der Begriff, den Andreae hier im lateinischen Original verwendet. Diese „inanitas“ bezeichnet dabei gleichermaßen die „innere Leere“ wie die „Eitelkeit“ der Neugierigen, die Selbstgefälligkeit als Gegenbegriff zu einer christlichen Demut, die nicht wissen will, was nicht zu wissen möglich ist. Während sich das ‚praktische Christentum‘, wie es Andreae in zahlreichen Schriften skizziert, darauf beschränkt, in dieser Welt das Leben des Menschen zu verbessern, ist die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit der Neugierigen auf Dinge gerichtet, die keine praktische Relevanz haben. Die Zeugung von Homunculi, wie sie die „Chymische Hochzeit“ vorführt, wären damit ein Beispiel für die „zerstörerische Kraft der Neugier“, der Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, des Hochmuts, der die Grenzen des Menschlichen überschreiten will. Im selben Satz, mit dem Andreae sich zur „Chymischen Hochzeit“ bekennt, nennt er diese ein „ludibrium“ – ein „Spiel“ oder eine „Spielerei“. Gemeint ist damit die spielerische Darstellung eines Wissens, das jetzt nicht mehr als Laboranweisung zu verstehen ist, sondern als Warnung vor den Verlockungen einer falschen, irregeleiteten Neugier. Das ist – um dies abschließend zu wiederholen – nicht weit weg von dem, was zwei Jahrhunderte später Mary Shelley mit ihrem „Frankenstein“ demonstriert.

Volkhard Wels ist Professor für Wissensgeschichte der Frühen Neuzeit an der Freien Universität Berlin und arbeitet an einem Kommentar zur „Chymischen Hochzeit“.

Dieser Beitrag erscheint in der Serie Spielerisches Wissen.