Das Jenseits ist an sich kein exklusiver Ort. Zumindest in eine Richtung ist es immerzu zugänglich. Aber wie kommt man von dort wieder zurück?

Mit dem Privileg, in die Unterwelt nicht nur hinein-, sondern auch wieder hinauszugelangen, sind nur sehr wenige Menschen ausgestattet. Zu diesem auserlesenen Kreis gehört Aeneas, trojanischer Flüchtling und Gründervater des Römischen Reichs. Vergil (70-19 v. Chr.) erzählt in seiner Aeneis davon, wie der Held mithilfe der Sibylle die Unterwelt besucht, um dort mit seinem verstorbenen Vater zu sprechen. Wie aber gelingt es der Erzählung, zu beglaubigen, dass Aeneas die eigentlich unüberwindbare Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten in beide Richtungen überschreiten durfte? Worin besteht Aneas‘ return ticket? Mit welchem Zeichen, welcher Tat, welchem Ding oder Wort wird diese Auserwähltheit innerhalb der Erzählwelt und gegenüber dem Publikum bescheinigt? Und wie geht eine mittelalterliche Adaption der Aeneis mit diesen Vorgaben um?

Der Goldene Zweig

Es ist ein Goldener Zweig, der den Unterweltbesuch des Helden verifiziert und glaubhaft macht. Vergil setzt dieses besondere Objekt so ein, dass es vielfältige Verbindungen herstellt: Auf der einen Seite eine affizierende Bindung zum Publikum, denn der Goldene Zweig bleibt rätselhaft und erzeugt so fortwährend Aufmerksamkeit und Spannung. Auf der anderen Seite verknüpft er das (vor-)geschichtliche Geschehen des Epos mit unterschiedlichen kulturellen Wissensbereichen und Praktiken der römischen Gegenwart: dem Mythos, dem Ritus, der Politik, der Literatur, der Landschaft. Das Epos ist während der Herrschaft des ersten römischen Kaisers Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) entstanden. Es erzählt die Ursprungsgeschichte des Imperiums, auch um es selbst und mit ihm den Kaiser zu legitimieren und zu verklären. Aeneas‘ Unterweltbesuch ist ein wichtiger Baustein dieser Funktion.

Vom Objekt des Goldenen Zweigs ausgehend wird so eine vieldimensionale Textur gesponnen – und es sind gerade diese ‚goldenen Verzweigungen‘, die der Erzählung vom Unterweltgang Überzeugungs- und Affizierungskraft verleihen.

Mit einem heuristischen Konzept des Sonderforschungsbereichs „Episteme in Bewegung“ ließe sich sagen: Der Goldene Zweig fungiert wie ein Knoten, der verschiedenen Elemente einer „Wissensoikonomie“ wie Fäden unterschiedlicher Farbe und Struktur miteinander verknüpft und in der Erzählung verankert. Mit dem Begriff der „Wissensoikonomie“ wird dabei nicht nur der Umstand in den Blick genommen, dass Wissensbewegungen immer auch durch soziale und kulturelle Faktoren geformt werden. Sondern es geht umgekehrt auch darum, das Vermögen von Wissensbewegungen genauer in den Blick zu nehmen, ihrerseits Bereiche des Sozialen, mit denen sie verflochten sind, nachhaltig zu prägen. Nora Schmidt, Nikolas Pissis, Gyburg Uhlmann: „Wissensoikonomien – Einleitung“. In: Wissensoikonomien. Ordnung und Transgression vormoderner Kulturen. Hg. von dies. Wiesbaden 2021, S. 1–12, hier S. 1f. Diese Wechselwirkungen lassen sich am Goldenen Zweig exemplarisch nachvollziehen: Denn so sehr er Verknüpfungen herstellt und damit Verbindlichkeit erzeugt, so sehr ruft er damit auch Bestände an Vorwissen, Traditionen und Praktiken auf, die das Erzählen limitieren – Bestände allerdings, die vom Erzählen wiederum verändert werden.

Nun bedeutet Dichtung bei Vergil überhaupt eher überzeugende Rekombination und Komposition als offene Erfindung: Die Aeneis ist eine überbietende Imitation der Homerischen Epen und der Gang in die Unterwelt, die sogenannte Katabasis, schreibt die Unterweltschau des Odysseus, die Nekyia, im 11. Gesang der Odyssee fort. Während aber Odysseus die Unterwelt nur ‚schaute‘, betritt Aeneas sie wirklich, durchschreitet sie Raum um Raum und verändert sie damit auch. Weiterhin sind nicht nur die Vorgaben der Odyssee zu beachten: Vergil gestaltet mit der Aeneis einen allgemein bekannten historisch-mythischen Stoff, die Aeneassage, die von Griechen und Römern bereits seit Jahrhunderten erzählt wird. Der Dichter fingiert nicht ‚aus dem Nichts‘, wie Macrobius (um 385/390 – nach 430), ein früher Philologe, in seinen Saturnalien bemerkt: „Vergilius non de nihilio fabulam fingit.“ Macrobius zitiert dabei den Philosophen Lucius Annaeus Cornutus (aktiv um 60), vgl. Jan M. Ziolkowski, Michael C.J. Putnam (Hg.): The Virgilian Tradition. The First Fifteen Hundred Years. New Haven, Conn. London 2008, S. 544 (zum Goldenen Zweig allgemein: S. 544–622).

Doch lebt eine Geschichte nicht allein von Bezugnahme und Überbietung, sie muss auch Neues offerieren, überraschen, zum Staunen anregen – irgendwie die Aufmerksamkeit des Publikums binden. Solche Formen der Affizierung müssen ebenfalls als Fäden in die Textur eingeflochten werden. Ich beziehe mich hier auf das Konzept des „attachment“, wie es Rita Felski im Anschluss an Bruno Latour und die Akteur-Netzwerk-Theorie für literarische Bindungen entwickelt, vgl. Rita Felski: Hooked. Art and Attachment. Chicago 2020. Und der Goldene Zweig reagiert, wie schon angedeutet, auf dieses Problem. Denn anders als die meisten übrigen Elemente der Aeneis ist der Goldene Zweig eben nicht durch die Sagentradition verbürgt, sondern offenbar – wie auch Macrobius annimmt Ziolkowski, Putnam: The Virgilian Tradition, S. 544. – etwas gänzlich Neues. Er verkörpert also einen Widerspruch: Der Goldene Zweig ist zwar eine offene Erfindung, fungiert aber nichtsdestotrotz als zentrales Legitimations- und Beglaubigungsmittel für Aeneas‘ round-trip durch die Unterwelt. Wie aber kann das, bitteschön, funktionieren?

Erfindung und Geltung

Indem Vergil sich eine grundlegende Funktionsweise des Wunderbaren zunutze macht: Denn die Neuheit des Goldenen Zweigs provoziert Fragen, die zunächst nicht oder nur teilweise beantwortet werden. Und das kreiert eine Rätselspannung, die über die gesamte Unterweltpassage hinweg präsent bleibt. Diese affizierende Bindung ist nun wiederum für die Beglaubigung zentral. Denn im Verlauf der Erzählung werden immer mehr Verknüpfungen des Zweigs zu Elementen der ‚Aeneidischen Wissensoikonomie‘ verdeutlicht, wobei Stück für Stück (aber nie endgültig) das Rätsel um den Zweig gelöst wird. Wie stellt sich das im Text konkret dar?

Der Goldene Zweig tritt an drei Stellen im 6. Buch der Aeneis in Erscheinung, immer dann, wenn besonders signifikante Grenzen überwunden werden. Ich zitiere: P. Vergilius Maro: Aeneis. 5. und 6. Buch. Lateinisch / Deutsch. Mit 25 Abbildungen. Übers. und hg. von Edith Binder und Gerhard Binder. Stuttgart 1998.

1) Beim ersten Mal geht es um den Zutritt zum Jenseits selbst. Aeneas sucht die Cumaeische Sibylle auf. Sie ist Apollopriesterin, Orakel und Expertin für die Unterwelt in einer Person. Die Dialoge zwischen der Sibylle und Aeneas sind als Medium des Wissenstransfers zentral für die gesamte Katabasis. Die Sibylle formuliert auch zwei Bedingungen für den Zutritt zum Hades.

Die erste Bedingung ist, dass Aeneas einen verborgenen Zweig beschaffen muss, der von Dunkelheit und Schatten eines waldigen Talkessels, wie sie sagt, beschützt wird (V. 136–139). Der Zweig ist der Proserpina, Herrin der Unterwelt, heilig (V. 138), sie fordert ihn als Gabe (V. 142f.). Pflücken kann den „Zweig mit goldenen Blättern und biegsamen Stängeln“ (aureaus et foliis et lento vimine ramus, V. 137) nur, wer vom fatum – dem Schicksal –dazu bestimmt ist (146f.). Danach wächst sofort ein neuer Zweig nach (V. 143f.).

Die zweite Bedingung lautet, dass Aeneas einen Gefährten, Misenus, bestatten muss. Von dessen Tod erfährt er allerdings erst in diesem Moment, was ihn mit großem Schmerz erfüllt.

Die Beschaffung des Zweigs und die Bestattung des Misenus sind mehrfach verknüpft: durch Orte und Utensilien der Handlungsebene, durch Metaphoriken und durch ihre Gleichzeitigkeit. Für den Scheiterhaufen werden Bäume eines „uralten Waldes“ (V. 179) gefällt. Beim Anblick des Geschehens spricht Aeneas in Trauer unwillkürlich ein Gebet (V. 186–189). Daraufhin erscheinen zwei Tauben: Gesendet von Venus leiten sie Aeneas im Dunkel des Waldes zum Goldenen Zweig, den er in der Krone einer düsteren Steineiche erblickt (V. 190–211). Es ist ein schillerndes Gewächs, genauso Pflanze wie künstliches Artefakt, Lichtpunkt in der Finsternis, dessen metallene Blätter im Wind klirren (V. 204–209).

Dieses Hell-Dunkel in der Darstellung akzentuiert die Rätselhaftigkeit des Objekts und nimmt den Gang des Lebendigen durch das Reich der Toten bildlich vorweg.

Zugleich spiegelt es das Auf und Ab von Aeneas‘ Gefühlen. Der Held kann den Zweig mühelos pflücken, was seine Auserwähltheit objektiv bestätigt. Das fatum als übergeordnete Instanz kommt darin direkt zum Ausdruck. Das Ding vermittelt so zwischen den Welten – dem Götterhimmel, der Erde und der Unterwelt. Nach Aeneas‘ Rückkehr werden die Bestattungsriten für Misenus vollzogen und ein Grabmal auf einem Berg errichtet, der noch heute den Namen des Helden trägt (V. 232–235). Der Berg in der Nähe von Neapel – heute „Capo di Miseno“ – wird damit zum Memorialort der Auffindung des Zweigs. Auch der Eingang zu Sibyllengrotte in der benachbarten Stadt Cuma kann heute noch besichtigt werden.

2) Zum Einsatz kommt der Zweig zum ersten Mal als Aeneas und die Sibylle die Unterwelt betreten. Der feindselige Charon verweigert ihnen die Überfahrt über den Styx. Die Sibylle zieht daraufhin den Zweig aus ihrem Gewand hervor und fordert den Fährmann auf, diesen zu ‚erkennen‘ (agnoscere, V. 405). Geradezu hektisch rudert der verblüffte Charon herbei, um die Gäste überzusetzen. In diesem Staunen des Fährmanns gegenüber der „ehrwürdigen Gabe“ (ille admirans venerabile donum, V. 408) wird die Geltung des Zweigs unmittelbar evident. Dabei erwähnt Charon, dass schon einmal jemand mit einem solchen Zweig da gewesen sei – doch es wird verschwiegen, wer. Der Goldene Zweig erscheint so als etabliertes, den Akteuren der Unterwelt wohlbekanntes Zeichen. Er hat offenbar eine Geschichte. Worin diese konkret besteht, bleibt jedoch offen.

3) Schließlich kommt das Wunderding vor den Toren des Elysiums – dem paradiesischen Aufenthaltsort der erlösten Seelen – zu seinem finalen Einsatz: Als Opfergabe für Proserpina steckt Aeneas den Goldenen Zweig ‚vorschriftsgemäß‘ (V. 632) in die Schwelle zum Elysium und besprengt sich dabei mit Wasser, vollführt also eine rituelle Handlung (V. 635f.) Vom Elysium aus besteht aber über zwei „Traumpforten“ eine direkte Verbindung zur Menschenwelt (V. 893–898). Damit hat das Objekt seine Schuldigkeit getan und wird nicht mehr erwähnt.

Aus einem fingierten Utensil wird so Stück für Stück ein mythisch-auratisches Objekt, das als überparteiliche Instanz Aeneas‘ Katabasis plausibilisiert.

Dabei vermittelt der Zweig die verschiedenen Ebenen des Epos, die Historie, den Kult, den Mythos, die Landschaft, die literarische Referenz und auch die gebundene Aufmerksamkeit des Publikums miteinander. Gerade in dieser kompositorischen Funktion, welche die verschiedenen Elemente der ‚Aeneidischen Wissensoikonomie’ aufscheinen lässt und wie in einem Knoten miteinander verflicht, gewinnt das fingierte Ding Geltung – und beansprucht diese damit auch für die behauptete Exklusivität des Aeneas und das vermittelte Unterweltwissen.

Der Nicht-Mehr-Goldene Zweig

Eine solche Konstellation kann nur wirksam werden, wenn Rezipierende an ihr durch Vorwissen und Vertrautheit mit kultischen und literarischen Praktiken teilhaben. Verändern sich epistemische, politische, religiöse und literarische Voraussetzungen, können einzelne oder mehrere Elemente dieser Konstellation ihre Funktionalität verlieren, gar störend wirken. Da ihr kalkuliertes Zusammenspiel nicht mehr greift, werden Änderungen nötig. Was passiert also, wenn die auf die augusteische Kaiserzeit zugeschnittenen ‚Goldenen Verzweigungen‘ in einen ganz anderen historisch-kulturellen Kontext geraten?

Etwa tausendzweihundert Jahre nach Entstehung der Aeneis überführt sie Heinrich von Veldeke mit seinem Eneasroman (1184) in die deutschsprachige höfische Dichtung. Er adaptiert dabei primär den am normannisch-angevinischen Hof um 1160 entstandenen Roman d’Eneas, benutzt aber auch die Aeneis selbst sowie den Vergil-Kommentar des Servius. Hans Fromm, „Kommentar“, in: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Hg. von ders. Frankfurt am Main 1992, S. 743–910, hier S. 755.

In einem dominant christlich-monotheistischem Kontext richtet sich Veldekes Erzählen an deutschsprachige Adlige, die des Lateinischen wahrscheinlich kaum mächtig und mit der römischen Götterwelt wenig vertraut sind. Zusätzlich steht der Enesaroman am Anfang der Tradition des deutschsprachigen höfischen Romans: Eine Generation später wird Gottfried von Straßburg in seinem Tristan (um 1210) über Heinrich von Veldeke sagen, er habe das „erste rîs“ (den ‚ersten Zweig‘) der Dichtung in deutscher Sprache gepflanzt. Vermutlich spielt er damit auf den Goldenen Zweig an.

Während schon der Roman d’Eneas mythisch-kultische Elemente wie den ‚Götterapparat‘ und Prophezeiungen reduziert, sind diese im Eneasroman nun gänzlich auf Formeln reduziert, teilweise völlig eliminiert. Peter Kern: „Der Gang durch die Unterwelt in Vergils ‚Aeneis‘, im ‚Roman d’Eneas‘ und in Veldekes Eneasroman“. In: Katharina Boll-Becht, Katrin Wenig (Hg.): Kunst und Saelde. Festschrift für Trude Ehlert. Würzburg 2011, S. 115–130.Das zeigt sich besonders deutlich beim Gang in die Unterwelt und dem Goldenen Zweig. Ich zitiere: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Hg. von Hans Fromm. Frankfurt am Main 1992.

Eneas bricht den Zweig und bringt ihn der Sibylle. Miniatur aus einem Manuskript aus der Staatsbibliothek zu Berlin, folio 21 recto.
Abb. 3: Eneas bricht den Zweig und bringt ihn der Sibylle (Staatsbibliothek zu Berlin, Ms. germ. fol. 282, fol. 21r, Detail).

Das rise (V. 2824) ist nicht einmal mehr goldfarben und wächst auch nicht auf dem Gipfel eines Baums; die Licht-in-der-Dunkelheit-Bildlichkeit geht gänzlich verloren. Überhaupt ist die Auffindungsgeschichte auf das Nötigste heruntergebrochen: Keine Bestattung eines Gefährten, keine Tauben, keine Erwähnung von Proserpina und Venus – Eneas opfert nur den Göttern, sie zeigen ihm den Weg, er findet den Zweig; wie genau, wird nicht erzählt (V. 2826–2931). Eine Änderung aber ist signifikant: Als Eneas den Zweig pflückt, wird er selbst Zeuge davon, wie ein neuer nachwächst (V. 2832–35) – bei Vergil wird das nur berichtet.

Die Änderung ist typisch für die Bearbeitung des gesamten Unterweltgangs, der nun durchgehend als Wahrnehmung Eneas‘ erzählt wird, dessen Angst und Mitleid dabei prägnant zur Darstellung kommen. Die Unterwelt – hier als helle („Hölle“, V. 2874 u.ö.) bezeichnet – gewinnt so für die Rezipierenden an Plastizität, wird durch die Erzählung erfahrbar. Einerseits schränkt das die Geltung des Unterweltwissens ein, handelt es sich doch ‚nur‘ um Wahrnehmungen einer Figur. Joachim Hamm: „Die Poetik des Übergangs. Erzählen von der Unterwelt im Eneasroman Heinrichs von Veldeke“. In: Joachim Hamm, Jörg Robert (Hg.): Unterwelten. Modelle und Transformationen. Würzburg 2014, S. 99–122. Andererseits beansprucht die Illusion von Evidenz Gert Hübner: „evidentia: Erzählformen und ihre Funktionen“. In: Harald Haferland u. a. (Hg.): Historische Narratologie – mediävistische Perspektiven. Berlin New York 2010, S. 119–147. auch Geltung für das Erzählte, weil die wunder und seltsane dinch – wie die furchterregenden und erstaunlichen Orte und Figuren der Unterwelt nun genannt werden (V. 2993, 3195, 3469, 3641) – wirklicher wirken.

Um Plausibilität für den Besuch der Unterwelt herzustellen, reicht der Zweig offenbar nicht mehr aus.

Neue Utensilien kommen hinzu: Kräuter und Salben dienen als magische Heilmittel gegen tödliche Dämpfe und Hitze (V. 2848-2864), das Schwert fungiert als Lichtquelle in der Finsternis (V. 2877). Eneas staunt über verschiedene wundersame Phänomene und wird von der Sibylle über sie aufgeklärt. Dabei gerät der Unterweltgang immer mehr zur christlichen Jenseitsreise, wenn sie an verschiedenen purgatorischen Straforten die Qualen der Seelen bezeugen. Maximilian Benz: „Himmel, Hölle“. In: Tilo Renz, Monika Hanauska, Mathias Herweg (Hg.): Literarische Orte in deutschsprachigen Erzählungen des Mittelalters. Ein Handbuch. Berlin 2018, S. 271–285, hier S. 280f.; Joachim Hamm: „Die Poetik des Übergangs“, S. 114.

Doch verschwindet der Zweig nicht ganz; er wird in neuer Weise verknüpft. Er ist nun keine Gabe mehr, sondern dient als Erkennungs- und Orientierungszeichen. Bei Charon – jetzt ein furchteinflößender Teufel – wird der swich (V. 3129) nur noch als rehte wortzeichen (V. 3131) bezeichnet. Vom Staunen des Fährmanns ist keine Rede mehr. Am Ende gerät der Goldene Zweig, passend zur Umgestaltung des Hades in seiner konkreten Räumlichkeit, zum Wegweiser. Fromm, „Stellenkommentar“, S. 816. Beim Elysium angekommen, das hier nur schemenhaft als paradiesisch anmutender Fluss erkennbar wird und keinen eigenen Raum mit Verbindung zu Außenwelt mehr bildet, lässt Eneas auf Anraten der Sybille den Zweig an einer Weggabelung zurück. Sie empfiehlt es, damit sie anschließend den Rückweg finden können. Von einem Rückweg war bei Vergil jedoch nie die Rede. Erst bei Veldeke verlassen Eneas und die Sibylle die Unterwelt über den gleichen Weg, auf dem sie auch hineingegangen sind. Wie dabei andere Wissensoikonomien den Text prägen, zeigt der Umstand, dass Veldeke mit dieser Umakzentuierung vermutlich auf die zeitgenössische Vergil-Allegorese anspielt, die den Goldenen Zweig als verhüllten Tugend-Führer, als „ramus integumentis“, deutet. Ziolkowski, Putnam: The Virgilian Tradition, S. 547.

In jedem Fall wird dabei die Forderung der Sibylle, dass der Zweig auch den Rückweg garantiert, weiterhin ernst genommen – aber nun auf eine rational-technische Art und Weise sowie als Allegorie konkretisiert.

Die ‚goldenen Verzweigungen‘ nehmen somit ganz andere Wege: So sehr die Unterwelt bei Heinrich von Veldeke zum Gegenstand der Verzauberung wird, so sehr wird der Goldene Zweig offenbar seines Zaubers entledigt. Nicht mehr als Gabe und Gebot der Proserpina fungiert das schillernde Objekt, sondern – seiner kostbaren Materialität beraubt – als schlichter Wegweiser, der dafür sorgt, dass der Held nicht vom rechten Weg abkommt und wieder zurückfindet in die Welt der Lebenden.

Falk Quenstedt ist germanistischer Mediävist und arbeitet als Post-Doc im Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“.

Der Beitrag ist Teil der Serie Konstellationen der Affizierung.