Das Seelenheil nach dem Tod sicherzustellen war ein wichtiges Anliegen antiker christlicher Texte. Allerdings kommt es dabei nicht nur auf eine gute Lebensführung an. Manchmal ist schlicht die Kenntnis des richtigen Passworts oder der Losung ausschlaggebend.

Wie kommt man in den Raum hinter der geschlossenen Tür, um an der Veranstaltung dort teilnehmen zu können? Vielleicht ist die Tür offen, dann können wir einfach hindurchgehen. Und wenn nicht? Haben wir einen Schlüssel? Kennen wir die Zahlenkombination des Schlosses? Oder haben wir eine Einladungskarte dabei, die wir der*m Türsteher*in zeigen können?

Vielleicht kennen wir aber auch einfach die richtigen Worte. „Sesam, öffne dich.“ Ein Losungswort, welches uns den Einlass sichert und Teilhabe an dem, was uns sonst verschlossen bliebe. Doch stellt sich die Frage, wie man an dieses spezifische Wissen kommt. Es muss einem vermittelt werden, mündlich oder auch schriftlich. Der Akt der Vermittlung birgt manchmal aber auch Gefahren, da das Wissen dabei in die falschen Hände gelangen kann – mit zumeist negativen Folgen. So waren die Räuber wenig glücklich, dass Ali Baba sie belauscht hatte …

Zeugnis von einer Form schriftlich vermittelten „Losungs“-Wissens geben uns einige Texte aus den sogenannten Nag-Hammadi-Codices – eine Sammlung frühchristlicher, nicht-biblischer Schriften aus den ersten Jahrhunderten n. Chr., die 1945 in Ägypten gefunden wurde. Diese nur fragmentarisch erhaltenen, auf Koptisch, der jüngsten Form des Ägyptischen, vorliegenden Schriften liefern ein vielfältiges Bild der Lehren des frühen Christentums.

In einigen dieser apokryphen Schriften dienen Losungsworte dem Aufstieg (ἀνάβασις) in den bzw. die Himmel. Anders als mit einem weltlichen Schlüssel oder einer Losung wie „Sesam, öffne dich“ verbleibt der*die Sprechende also nicht auf der weltlichen Ebene, sondern betritt ein jenseitiges Reich. Dieses wird im Unterschied zu anderen Jenseitserzählungen wie z.B. der Aeneis oder der Göttlichen Komödie jedoch nicht als Unterwelt, sondern als Oberwelt inszeniert. Man steigt also in die Himmel auf bzw. Christus ist in die Welt hinabgestiegen. Damit erhält die diesseitige Welt einen anderen, negativen Stellenwert innerhalb der kosmischen Konzeption. Darin liegt als erstrebenswertes Ziel der Aufstieg in den Himmel begründet oder auch in die Himmel, da in der Auslegung des zweiten Korintherbriefs (12,2ff.) häufig eine Vielzahl von Himmels-„Schichten“ beschrieben wird. Auf der Reise der Seelen durch diese verschiedenen Himmel werden sie jeweils von Mächten aufgehalten. Ein Passieren ist nur möglich, wenn sie die ihnen gestellten Fragen richtig beantworten.

Der Zugang zum Jenseits ist auch nach dem Tod keineswegs selbstverständlich, sondern an Bedingungen, an die Kenntnis der richtigen Losung geknüpft.

Diese Vorstellung begegnet mehrfach in jüdisch-christlichen Texten dieser Zeit. Und sie gilt übrigens für beide Richtungen: Auch Christus muss in der Himmelfahrt des Jesaja auf seinem Abstieg vom obersten Himmel zur Erde Losungsworte sprechen, um unerkannt an den wachenden Mächten vorbeizukommen. Vgl. AscJes 11.

Damit also der Aufstieg glücken kann und das Seelenheil gesichert wird, muss den Gläubigen das Losungswort vermittelt werden. Doch wie geschieht dies? Gibt es dazu unterschiedliche Berichte? Und wie wirkt sich dies auf die Gläubigen und deren Affizierung aus? Zwei Beispiele sollen diese Fragen erhellen.

Im Thomasevangelium (EvThom) heißt es: Bei kritischen Editionen und Übersetzungen ist es üblich, mittels spezieller diakritischer Zeichen auf den Zustand der Schriften aufmerksam zu machen. Eckige Klammern dienen dazu, unleserliche Stellen zu markieren. Der innerhalb dieser Klammern gesetzte Text ist daher eine Rekonstruktion. In runden Klammern werden Anmerkungen des*r Übersetzer*in wiedergeben. Die Absätze habe ich zur besseren Lesbarkeit eingefügt.

Jesus spricht:
„Wenn sie zu euch sagen: ‚Woher stammt ihr?‘, (dann) sagt ihnen: ‚Wir sind aus dem Licht gekommen, dem Ort, wo das Licht entstanden ist aus sich selbst, [sich]
hingestellt hat und in ihrem (pl.) Bild erschienen ist.‘
Wenn sie zu euch sagen: ‚Seid ihr es?‘, Evtl. muss man lesen: ‚Wer seid ihr?‘. (dann) sagt: ‚Wir sind seine Kinder, und wir sind die Erwählten des lebendigen Vaters.‘
Wenn sie euch fragen: ‚Was ist das Zeichen eures Vaters unter euch?‘, (dann) sagt ihnen: ‚Bewegung ist es und Ruhe.‘“ Nag Hammadi Deutsch. NHC I-XIII, Codex Berolinensis 1 und 4, Codex Tchacos 3 und 4. Studienausgabe, eingl. und übers. von Mitgliedern des Berliner Arbeitskreises für Koptisch-Gnostische Schriften, hg. v. H.-M. Schenke/U. U. Kaiser/H.-G. Bethge, Berlin/Boston 32013, hier S. 132.

Im Unterschied zu anderen Jenseitsreisen-Berichten wird hier weder ein spezielles, magisch-göttliches Artefakt noch ein einzelnes Losungswort benötigt, sondern es geht um die richtigen Antworten auf spezifische Fragen. Es handelt sich also um ein sprachlich-dialogisches Wissen. Dieses Wissen wiederum wird ebenfalls in einer sprachlichen Handlung durch Jesus vermittelt.

Wer das Gegenüber Jesu genau ist, wird im Logion (einem kurzen Ausspruch Jesu Christi) nicht explizit benannt. Es kommt – wie das Thomasevangelium nahezu insgesamt – ohne narrative Rahmenhandlungen aus. Dadurch entsteht jedoch der Eindruck, dass sich die Worte Jesu direkt an die Leser*innen richten; Jesus ist es, der als Vermittler von Wissen über das Jenseits fungiert.

Die Angesprochenen werden in eine Gruppe hineingeholt, der exklusives Wissen durch Jesus selbst offenbart wird.

Ein weiterer Text aus den Nag-Hammadi-Codices, die 1. Apokalypse des Jakobus (1ApcJac), überliefert eine ähnliche Begebenheit, inszeniert sie jedoch gänzlich anders:

Der Herr [sprach] zu [ihm: „Jakobus,] siehe ich werde dir deine Erlösung offenbaren. Wenn [du] ergriffen wirst und diese Leiden über dich kommen werden, wird sich eine Menge gegen dich rüsten, um dich zu ergreifen. Vor allem aber werden drei von ihnen dich ergreifen, die als Zöllner dasitzen und nicht nur Zoll fordern, sondern auch die Seelen gewalttätig wegnehmen.
Wenn du nun in ihre Hände fällst, wird einer von ihnen, der einer ihrer Wächter ist, zu dir sagen: ‚Wer bist du und woher stammst du?‘ Du sollst zu ihm sagen: ‚Ich bin ein Sohn und ich stamme vom Vater.‘

Er wird zu dir sagen: ‚Was für ein Sohn bist du, und von welchem Vater stammst du?‘ Du sollst zu ihm sagen: ‚Ich stamme vom prä[existenten] Vater und bin ein Sohn, der im Präexistenten ist.‘
[…]
Wenn du aber dies sagst, wirst du ihren Angriff entgehen.“
Nag Hammadi Deutsch, S. 308f.

Schauen wir uns zunächst diesen gekürzten Ausschnitt an. Auch in dieser Episode geht es darum, mittels der „richtigen“ Antworten an Wächtern vorbei Zutritt zu einer ansonsten verschlossenen Sphäre zu bekommen. Doch sie richtet sich hier direkt und zunächst ausschließlich an Jakobus; erst zum Ende der Apokalypse wird berichtet, wie die Zwölf unterwiesen werden. Leider ist der Text an dieser Stelle stark zerstört, so dass wir nicht wissen, wer sie lehrt – ob Jesus oder Jakobus – und was genau. Klar ist aber, die Aufmerksamkeit des*r Lesers*in wird nicht über direkte Ansprache gebunden, sondern durch eine Kontextualisierung und Dramatisierung.

Der Text der Jakobus-Apokalypse ist stark durch narrative Teile geprägt. Im Vergleich mit dem Thomasevangelium fällt nicht nur die unterschiedliche Rahmung auf, sondern auch die wesentlich stärker ausgearbeitete Art des Dialogs – nebenbei bemerkt entspricht sie auch weniger einer Apokalypse, sondern trägt Züge eines Dialogevangeliums. Als Dialogevangelium bezeichnet man apokryphe Texte, in denen der auferstandene Christus vor seiner Himmelfahrt einzelne oder mehrere Jünger*innen in Form eines Gespräches lehrt. Umgeben ist dieser Dialog, welcher meist zusätzliches Wissen über die Erlösung beinhaltet, von einem narrativen Rahmen, der in unterschiedlichem Umfang Ort, Zeitpunkt und Teilnehmer*innen einführt. Der Dialog selbst wird dramatisiert und nicht mehr nur wiedergegeben. Der Aufstieg wird als Leiden eingeführt und als Angriff, dem es zu entgehen gilt. Die Fragenden werden als Zöllner und Wächter benannt, die nicht nur einen Zoll verlangen – wie es ihrer Stellung entspricht – sondern Anspruch auf die Seele erheben. Die Episode wird somit als existenzielles Schreckensszenario inszeniert. Es geht bei diesem Ereignis mithin nicht um irgendeine Prüfung – wie mehr als deutlich herausgestellt wird –, sondern um nichts Geringeres als das Seelenheil des Jakobus. Statt einer Affizierung durch direkte Ansprache der Leser*innen inszeniert dieser Text Jakobus und sein zukünftiges Leiden als Identifikationsfigur für den Gläubigen. Offenbar konnte das Losungswissen also auf unterschiedlichen Wegen vermittelt werden.

Wurde bisher v.a. auf die dialogische Form in beiden Texten verwiesen, so soll nun ein näherer Blick auf den Inhalt geworfen werden. Die gestellten Fragen sind zunächst identisch: „Woher stammt ihr?“ und „Wer seid ihr?“. Doch hier enden die Parallelen. Denn während das Thomasevangelium nach einem Zeichen fragt, schließen sich in 1. Apokalypse des Jakobus vermutlich Fragen nach dem Präexistenten – also dem schon vor der Schöpfung der Welt existierenden – und den Fremden sowie eine Frage nach dem Ziel an. Lesen wir also, was wir oben ausließen:

„Er [wird] zu dir [sagen]: ‚[…]?‘ Du sollst [zu ihm sagen: ‚Ich bin gekommen vom Präexistenten], damit ich [zu den Meinigen gehe und zu den Fremden.‘
Er wird zu dir sagen: ‚Warum denn zu] den Fremden?‘ Du sollst zu ihm sagen: ‚Sie sind nicht ganz fremd, sondern sie stammen von Achamoth, die das Weib ist. Und diese (plur.) hat sie (sing.) geschaffen, als sie das Geschlecht vom Präexistenten herabbrachte.
[…]
Er wird weiterhin zu dir sagen: ‚Wohin willst du gehen?‘ Du sollst zu ihm sagen: ‚Zu dem Ort von dem ich gekommen bin, dorthin will ich auch gehen.‘“

Aus den Antworten wird deutlich, dass die Seelen nicht nur eine Reise in den Himmel antreten. Vielmehr kehren sie an denjenigen Ort zurück, von dem sie stammen. Im Thomas-Evangelium wird ebenfalls deutlich gemacht, dass die Gläubigen ursprünglich von einem anderen Ort, nämlich aus dem Licht, stammen.

Diese „Rückbewegung“, die die Seelen bei ihrem Aufstieg vollziehen, ist also sowohl im Thomasevangelium als auch in der 1. Apokalypse des Jakobus einer der vermittelten Glaubensinhalte. Zwar wird der Ursprung unterschiedlich bezeichnet, entscheidend ist aber zunächst, dass er in der Oberwelt verortet wird. Der Aufstieg in den Himmel kann nur von jenen vollzogen werden, die von dort stammen. Das zuvor bereits als exklusiv dargestellte Wissen, erhält somit eine weitere exklusive Komponente: Denn Jesus lehrt dieses Wissen um die eigene Herkunft nur jene, die eben vom Licht, vom Vater, vom Präexistenten stammen. Die Adressatenschaft ist also bereits vor ihrer Geburt festgelegt.

Die vermittelten „Losungsworte“ sind somit mehr als „nur“ ein passendes Passwort. Vielmehr handelt es sich bei diesem Losungswissen zugleich um ein Verheißungswissen.

Es garantiert nicht nur die Rückkehr der Seele nach dem Tod, sondern ermöglicht auch in der diesseitigen Welt schon Zugang zu einer Gemeinschaft der Erwählten. Schon bevor es beim Passieren der Himmelsschichten zum Einsatz kommt, fungiert es als eine Art Bekenntnis und beinhaltet zudem theologisches Wissen.

Die inhaltlichen Ähnlichkeiten und Unterschiede werfen die Frage nach dem Verhältnis der beiden Texte zueinander auf. Leider lässt sich darüber nur Weniges sagen und kaum etwas mit Sicherheit. Sie finden sich nicht nur in den Nag-Hammadi-Codices, sondern sind auch auf Griechisch in den sogenannten Papyri Oxyrhynchus überliefert. Allerdings finden sich auch dort nur Fragmente, sodass wir die Lücken in der 1. Apokalypse des Jakobus leider auch dadurch nicht sicher füllen können. Die gemeinsame Auffindsituation sowohl in Nag Hammadi als auch in Oxyrhynchus scheint zwar zu suggerieren, dass die Texte denselben Personen bekannt waren, doch darf dies nicht vorausgesetzt werden, denn sie befinden sich nicht im selben Codex. Aus dem Befund lässt sich zwar eine gewisse Verbreitung beider Texte ableiten, inwiefern aber den Autoren, Übersetzern oder Abschreibern beide Texte bekannt waren, kann nicht geklärt werden und muss letztlich offenbleiben. Dennoch stellt sich in diesem Zusammenhang besonders die Frage, wie es kommt, dass unterschiedliche Losungen für den Aufstieg vermittelt werden. Empfanden die Rezipient*innen dies nicht als Widerspruch? Glaubten sie überhaupt, was sie lasen? Auch diese Fragen müssen leider offenbleiben, denn wir können kaum etwas über die soziokulturelle Einbindung dieser Texte sagen.

Einer anderen Frage hingegen lässt sich zumindest ein Stück nachgehen: Was passiert, wenn dieses exklusive Wissen in die falschen Hände fällt? Zwar sind Ursprung und Verwendung der in den Nag-Hammadi-Codices überlieferten Texte bis heute umstritten, doch lässt sich zumindest sagen, dass viele von ihnen Lehren vertraten, die sich nicht allgemein etablieren konnten und von der entstehenden Mehrheitskirche nach und nach als Irrlehren verbannt wurden.

In einem solchen Kontext steht die Schrift Adversus haeresis des Bischofs Irenäus von Lyon. Vgl. Irenäus, Gegen die Häresien (Contra Haereses). In: Des heiligen Irenäus fünf Bücher gegen die Häresien, aus dem Griechischen übersetzt von E. Klebba. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 3) München 1912 (letzter Zugriff: 19.07.2021). Verfasst gegen Ende des 2. Jhd.s n. Chr. begegnet uns dort im Kapitel I,21 die Wiedergabe eines Dialogs zwischen der Seele und Mächten, welcher starke inhaltliche Parallelen zu dem der 1. Apokalypse des Jakobus aufweist. Adversus haeresis ist – wie der Name schon vermuten lässt – eine häresiologische Schrift, in der Irenäus eine große Menge von seiner Ansicht nach häretischen Lehren vorstellt.

Das exklusive Wissen um Herkunft und Losungen wird als Merkmal falscher Lehren und Vorstellungen dargestellt.

Was in der Eigensicht das Seelenheil sichert, wird in der Außensicht zur Verdammung. Wie Irenäus an dieses doch eigentlich exklusive Wissen gelangt war, bleibt ungewiss; offenbar fand es zu einem bestimmten Zeitpunkt durchaus weite Verbreitung. Irenäus hatte damit etwas erfahren, was nicht für seine Ohren bestimmt war. Und wie sich Ali Baba mit seinem Wissen gegen die Räuber wendet, so wendet auch der Bischof sein Wissen gegen die dahinterstehenden Gruppen an. Er verdammte das Wissen und seine Träger*innen, wobei sich seine Position in den nachfolgenden Jahrhunderten in fast allen christlichen Kirchen durchgesetzt hat. Vertreter*innen dieser Lehre wurden als Häretiker*innen aus der Mehrheitskirche ausgeschlossen. Die Idee einer Rückkehr der Seelen mittels Losungsworten verlor ihre Geltung und ist heute nicht mehr Bestandteil christlicher Lehren. Eine Gruppe, die entsprechendes Wissen als ihre Lehre vertritt, gibt es heute auch nicht mehr. Mit dem Nachaußendringen und der Verbreitung dieser exklusiven Wissensbestände verloren diese also ihre Legitimität und gingen letztlich als Wissen verloren. Uns sind sie heute oft nur noch in Fragmenten oder in den stark überzeichneten und verzerrten Darstellungen ihrer Gegner bekannt.

Marie-Christin Barleben ist evangelische Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich „Episteme in Bewegung“.

Der Beitrag entstand im Zusammenhang mit der Serie Konstellationen der Affizierung.