Auf der ‚Reichskrone‘ soll sich im Mittelalter ein selbstleuchtender Edelstein befunden haben. Mittelhochdeutsche Dichtungen attestierten ihm eine politische Leitfunktion. Wie aber kann ein Objekt, das vielleicht nur durch Erzählungen existiert, imperiale Herrschaftsansprüche formulieren?

Albertus Magnus (um 1200–1280) beschreibt in seiner Abhandlung über Steine (De mineralibus) einen Edelstein namens orphanus (der „Waise“). Dem Gelehrten zufolge handelt es sich um einen hellen weinroten Edelstein, der sich zum Zeitpunkt der Niederschrift – also etwa um 1260 – auf der Krone des Heiligen Römischen Reiches befindet. Früher einmal, so wird erzählt, habe der Stein aus eigener Kraft geleuchtet, es heißt, er erhalte die königliche Ehre. Die Namensgebung erklärt Albertus damit, dass der Waise einzigartig ist, kein zweiter seiner Sorte sei je gesehen worden. Albertus Magnus, Mineralium libri quinque, S. 43 (Liber II, Tractatus II).

Auf der ‚Reichskrone‘, wie sie heute in der Wiener Schatzkammer zu betrachten ist (Abb. 1), passt jedoch keiner der Edelsteine zu Albertus‘ Beschreibung. Die Krone, im 10. Jahrhundert entstanden, besteht aus acht Platten, die durch Scharniere miteinander verbunden sind. Die beiden Platten an Stirn- und Nackenseite (Abb. 2–4) sind mit jeweils zwölf besonders großen Edelsteinen besetzt. Anzahl und Symmetrie spielen auf die zwölf Edelsteine des Brustschilds des Hohepriesters (Ex. 28, 15ff.) und des Himmlischen Jerusalems (Offb. 21, 14–20) an, was „die Korrespondenz von alter und neuer Zeit, von irdischer und himmlischer, weltlicher und geistlicher Herrschaft“ zum Ausdruck bringt und das „Programm eines christologischen Königtums“ formuliert. Christel Meier-Staubach: „Schönheit – Wert – Bedeutung. Zur Materialität und Symbolik von Gold und Edelsteinen im Mittelalter“, S. 46.

Ein einzigartiger Stein wie der Waise passt schlecht zu diesem symmetrischen Arrangement. Es wurden daher Zweifel angemeldet, ob sich Albertus’ Beschreibung des Edelsteins sowie andere Quellen, die den Waisen thematisieren, überhaupt auf die Wiener ‚Reichskrone‘ beziehen. Arno Mentzel-Reuters: „Die Goldene Krone“, S. 135–182. Andererseits wurde versucht, die Aussagen über den Waisen mit der Krone in Einklang zu bringen, wofür sie durchaus Indizien liefert: Denn sowohl an Stirn- wie Nackenplatte lassen Einfassungen der Mittelreihe erkennen, dass sie vormals größere Edelsteine fixierten. Hubert Herkommer: „Der Waise“, S. 51. Ein Beleg der historischen Existenz des Waisen auf der Krone ist das freilich nicht. In Beschreibungen der kaiserlichen Insignien aus dem 13. Jahrhundert fehlt jedenfalls jede Spur von ihm. Percy Ernst Schramm: „Der Waise in der Wiener Krone“, S. 815.

Imperialer Leitstern

Nicht zu bezweifeln ist allerdings die große politische Bedeutung, die der Waise in der Zeit um 1200 gewann. Neben Albertus‘ späterer Beschreibung zeugen verschiedene mittelhochdeutsche Dichtungen davon. Besonders prominent sind Spruchdichtungen Walthers von der Vogelweide aus dem Jahr 1198, die im Zusammenhang des Streits um den Kaiserthron zwischen dem Staufer Phillip II. von Schwaben und dem Welfen Otto IV. von Braunschweig entstanden. Walther steht auf Seiten der Staufer und begründet Phillips Legitimität mit dem Umstand, dass sich die Reichsinsignien in seinem Besitz befinden. Im sogenannten ‚Kronenspruch‘ rekurriert der Dichter dabei auf den Edelstein:

swer nû rîches irre gê,
der schouwe wem der weise ob sîme nacke stê,
der stein ist aller fürsten leitesterne.
Walther von der Vogelweide: Werke. Bd. 1, Spruchlyrik, S. 84f. (L 18,29).

Wer in Sachen des Reiches in die Irre gerät, / der schaue, wem der Waise über seinem Nacken steht, / denn der Stein ist der Leitstern aller Fürsten.

Die Deutung der Aussage, dass der Waise über dem Nacken stehe, ist umstritten: Wird damit konkret die Stellung auf der Nackenplatte der Krone angesprochen? Oder vertritt der Stein als pars pro toto ganz allgemein die Krone auf dem kaiserlichen Haupt? Ist damit überhaupt die Wiener ‚Reichskrone‘ gemeint? Oder handelt es sich um ein sprachliches Bild, das den Waisen in Anspielung auf den Stern von Bethlehem als Signalgeber am Himmel über Phillip positioniert? Vgl. zu dieser Debatte: Mentzel-Reuters: „Die Goldene Krone“, S. 144f. und 155–160.

In jedem Fall ruft die Metaphorik nautisches Wissen auf, denn bei dem leitesterne handelt es sich um den Polarstern der Seefahrer. Herkommer: „Der Waise“, S. 45. Das perspektiviert die Machtverteilung im Reich in besonderer Weise: Licht und Orientierung gehen vom bekrönten Kaiser aus. Die Parallelisierung der politischen Ordnung des Reiches mit dem Sternenhimmel bringt den Waisen zudem mit dem Kosmos in Verbindung. Auch christliche Motive werden aufgerufen: Heilsgeschichtliche Narrative, wie der Besuch der Könige oder Magier aus dem Morgenland, sowie eine marianische Dimension, denn die Gleichsetzung von Maria mit dem Polarstern ist ein geläufiger Topos religiöser Lyrik und liturgischer Gesänge, wie etwa dem Hymnus Ave maris stella („Sei gegrüßt, Meerstern“). Ulrich Engelen: Die Edelsteine in der deutschen Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts, S. 382. Walthers Spruchdichtung verknüpft somit den kosmisch-heilsgeschichtlichen ordo mit der politischen Ordnung des Reiches und dem Kaiser als dessen oberster Heilsinstanz, ein Konzept, das für die staufische Idee des Heiligen Römischen Reiches grundlegend war. Vgl. Bernd Schneidmüller: „Staufisches Kaisertum im 12. Jahrhundert. Zur Einführung“, S. 15–22.

Der Edelstein – als eine ‚Kristallisationsfigur‘ der Verflechtung von Vielem und Heterogenem – wird zum imperialen Akteur.

Da sich Heilsgeschichte nicht allein auf Menschen bezieht, sondern die gesamte Schöpfung umfasst, verflechten sich in der staunenswerten Materialität des Edelsteins Aspekte von Natur und Kultur. Indem sich die ideale politische Ordnung in dem einzigartigen Mineral verdichtet und verfestigt – oder anders ausgedrückt, indem sie sich in ihm ‚kristallisiert‘ – beansprucht es für sie eine in diesem Sinne transkulturelle Geltung. Der Edelstein – als eine ‚Kristallisationsfigur‘ der Verflechtung von Vielem und Heterogenem – wird zum imperialen Akteur. Zum Akteursstatus des Steins vgl. Jan Ulrich Keupp: „Sachgeschichten. Materielle Kultur als Schlüssel zur Stauferzeit“, S. 159.

Ferne Herkunft

Doch woher stammt diese Kristallisationsfigur, die im Kontext des Heiligen Römischen Reiches um 1200 überhaupt erst auf der Bildfläche erscheint? Auf eine Spur, die weit über die Grenzen des Reiches hinausweist, führt einer der frühesten deutschsprachigen Belege für den Stein und auch die Bezeichnung ‚der Waise‘. Sie findet sich im Herzog Ernst, einem wohl im späten 12. Jahrhundert entstandenen Erzähltext, der die Auffindung des Edelsteins schildert. Der Text, aus heutiger Perspektive ein Abenteuerroman, geriert sich als Historie und wurde vielfach auch als solche rezipiert. Vgl. Thomas Ehlen: „Hystoria ducis Bauarie Ernesti“, S. 77–80. Bis in das 16. Jahrhundert hinein entstehen neue Fassungen, die noch im 19. Jahrhundert gedruckt werden. Zur Textgeschichte: Mathias Herweg: „Herzog Ernst, oder Streifzüge durch ferne Erzählwelten“, S. 545–580. Mir geht es im Folgenden ausschließlich um die höfische Versfassung B des Herzog Ernst, deren Genese in die Zeit des ‚Waisen-Hypes‘ um 1200 fällt.

Die Handlung ist rasch zusammengefasst: Die Geschichte spielt etwa dreihundert Jahre vor der Entstehung des Textes, zur Zeit der Ottonen – also auch zur Entstehungszeit der ‚Reichskrone‘. Das anfänglich harmonische Verhältnis zwischen Kaiser Otto und seinem Stiefsohn, dem bayrischen Herzog Ernst, wird durch einen arglistigen Dritten gestört, der Ernst beim Kaiser verleumdet, woraufhin dieser die Erblande des Herzogs mit Krieg überzieht. Nachdem Ernst den Intriganten bei einer Nacht- und Nebelaktion tötet und dabei beinahe auch den Kaiser erschlägt, ist jede weitere Verständigung ausgeschlossen: Das Reich versinkt in Gewalt. Angesichts der kaiserlichen Übermacht flüchtet Ernst mit einer Schar Getreuer in einen (anachronistischen) Kreuzzug nach Jerusalem.

Vor der Küste Syriens werden die Kreuzfahrer jedoch von einem Seesturm in eine geografisch unbestimmt bleibende Weltgegend verschlagen, in der sie auf eine Vielzahl von mirabilia stoßen: seltsame Naturphänomene, Fabeltiere und monströse Menschen. Der Herzog ist offenbar in das fernöstliche ‚Indien‘ gelangt, in dem das zeitgenössische gelehrte Wissen solche Phänomene, Dinge und Wesen verortet. Zu den Wundervölkern: Marina Münkler: „Die Wörter und die Fremden“; zur Bedeutung ‚Indiens‘ in der deutschsprachigen mittelalterlichen Literatur: Falk Quenstedt: „Indien, Mirabilienorient“. Ernst durchlebt nun eine Reihe von Abenteuern, durchwandert etwa eine menschenleere prachtvolle Stadt, erleidet Schiffbruch am Magnetberg, fliegt in den Klauen von Greifen, fährt auf einem selbstgebauten Floß einen unterirdischen Fluss hinab (Abb. 5), macht als Kämpfer und Landesherr beim Volk der einäugigen ‚Arimaspi‘ Karriere.

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Abb. 5: Herzog Ernst und seine Getreuen auf dem Floß (hier in der Mode des späten 15. Jahrhunderts); Illustration der Fassung F des Herzog Ernst, kolorierter Holzschnitt, Inkunabeldruck, Augsburg ca. 1477, Druckerei: Anton Sorg.

Als der Herzog schließlich in die Mittelmeerregion zurückkehren und Jerusalem doch noch erreichen kann, kommt er nicht mit leeren Händen: Neben großen Reichtümern und einzelnen Vertretern der Wundermenschen führt Ernst auch den Waisen mit sich. Er hat den leuchtenden Stein während der Floßfahrt durch die Finsternis – an einem Naturort, der lebensfeindlicher kaum sein könnte – in einer mit Edelsteinen übersäten Grotte aus der Höhlendecke gebrochen:

Ernst der edel wigant
Eynen steyn dar vnder sach
Den er usz dem felze brach.
Der steyn gap vil liechten glast.
Den bracht syt der werde gast
Vsz der vil starcken freyse.
Ich zitiere den Herzog Ernst B nach: Cornelia Weber: Untersuchung und überlieferungskritische Edition des Herzog Ernst B.
(Herzog Ernst B, V. 4456–4461)

Ernst, der edle Held, / sah darunter einen Stein, / den er aus dem Felsen brach. / Der Stein strahlte hellen Glanz aus. / Später brachte der ehrenvolle Krieger den [Stein] / aus der sehr gewaltigen Gefahr mit.

Die herausgehobene Bedeutung dieses Fundes markiert der Text durch verschiedene Mittel: So wird erzählerisch Spannung aufgebaut, wenn von einem sich gleich ereignenden Wunder die Rede ist, von dem man noch heute spreche („Das wunder sagt man vns noch / Das den helden da geschach.“, Herzog Ernst B, V. 4432f.). Auch tritt die sonst wenig präsente Erzählinstanz hervor und spricht direkt die Verbindung des historischen Geschehens zur Gegenwart des Erzählens an. Sie macht dabei die Wahrheit des Erzählten an der realen Existenz des Waisen auf der Reichskrone fest:

Da von er ward der weyse
Dorch syn ellende genant.
Es ist nach hute wol bekannt.
In riches kron man yen siecht.
von der luget vns das buch nycht.

(Herzog Ernst B, V. 4456–4466)

Deshalb wurde er [der Stein] ‚der Waise‘ genannt, / weil er aus der Fremde stammt. / Er ist noch heute bestens bekannt. / Man sieht ihn in der Krone des Reiches. / Deshalb ist sicher, dass uns das Buch [die Quelle der Erzählung] nicht belügt.

Erzählung und Objekt schaffen in wechselseitigem Bezug ein Gedächtnis an ein ausgleichendes Verhältnis zwischen Kaiser und Fürsten, um das Reich vor neuen verheerenden Konflikten zu bewahren.

Die Erzählung gibt für die Namensgebung eine andere Erklärung als Albertus: Der Stein wird zum ‚Waisen‘, weil er aus einer unwirtlichen, öden Fremde (ellende) stammt. Die Auffindung durch einen Herzog perspektiviert auch die politische Funktion des Edelsteins anders als die Spruchdichtung Walthers. Denn Orientierung und Macht gehen hier nicht allein vom Kaiser aus. Vielmehr erhält der Stein eine geschichtliche Dimension, wenn er mit einem historischen Konflikt zwischen Kaiser und Herzog verknüpft wird. Die Fassung B klärt zwar nicht, wie der Waise nach seiner Auffindung konkret auf die Reichskrone gelangt. An ihrem Ende erzählt sie aber von der Rückkehr des Herzogs und der Aussöhnung mit dem Kaiser. Die Aussöhnung kommt angesichts der vorhergehenden Gewalt im Reich einem Wunder gleich – ein Wunder, dass der Edelstein präsent hält. Erzählung und Objekt schaffen in wechselseitigem Bezug somit ein Gedächtnis an ein ausgleichendes Verhältnis zwischen Kaiser und Fürsten, um das Reich vor neuen verheerenden Konflikten zu bewahren. Ein weiterer Aspekt ist, dass das Kaisertum mitsamt seinem universalen Herrschaftsanspruch über den Waisen mit einem fernen und verborgenen Ort verbunden wird, zu dem nur ein deutscher Herzog Zugang erlangen konnte.

Transkulturelle Verflechtungen

Nicht nur die Auffindungsgeschichte des Edelsteins führt in die Ferne. Auch das dafür vom Herzog Ernst adaptierte Erzählmaterial sowie der Waise selbst deuten weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Hier zeigt sich eine zweite transkulturelle Dimension des Steins.

So lässt die zitierte Passage des Herzog Ernst zahlreiche Parallelen zu arabischen Erzähltexten erkennen, besonders deutlich zu den Erzählungen von Sindbād dem Seefahrer. Tatsächlich bestehen Parallelen zu einem größeren Text-Netzwerk von Reiseerzählungen, vgl. Falk Quenstedt: Mirabiles Wissen, S. 278–285. Der notorisch schiffbrüchige Kaufmann aus Bagdad, der auf seinen sieben Reisen wie Ernst von Seestürmen in unbekannte Regionen der östlichen Ferne verschlagen wird, fährt bei seiner sechsten Reise ebenfalls einen unterirdischen Fluss auf einem selbstgebauten Floß hinab, findet dabei Edelsteine und landet schließlich in einem fremden Land, wo er Karriere macht. Beide Texte schildern eindrücklich die Todesangst der Männer bei der unkontrollierten Fahrt in völliger Finsternis, die das Floß an die Wände der sich verengenden Höhle schleudert. Die Geschichte von Sindbad dem Seefahrer, S. 181f. Selbst der Bezug zur Ferne als Peripherie eines Imperiums spielt im Sindbād eine Rolle: Denn der Händler wird am Ende zum Vertrauten des Kalifen, dem er – wie Ernst dem Kaiser – staunenswerte Gaben zum Geschenk macht. Die Geschichte von Sindbad dem Seefahrer, S. 185.

Neben dem Erzählmaterial deutet auch der Name des Steins auf ost- und außereuropäische Kontexte: So handeln byzantinische Quellen von einem orphanos (ὀϱ𝜑ανόϛ) genannten Juwel – manchmal eine Perle, manchmal ein Edelstein –, das sie als Akteur mit den Geschicken des Byzantinischen Reiches verbinden. Herkommer: „Der Waise“, S. 53–55. Darstellungen byzantinischer Kaiser in Handschriften und auf Mosaiken aus dem 11. und 12. Jahrhundert zeigen an der Stirnseite der Krone deutlich einen einzelnen roten Edelstein (Abb. 6 und 7).

Der Literaturwissenschaftler Hubert Herkommer sieht in der plötzlichen Prominenz des Waisen in den deutschsprachigen Dichtungen einen Versuch, die Legitimität des Reiches im imperialen Konkurrenzverhältnis zu Byzanz zu behaupten. Herkommer: „Der Waise“, S. 58.

Doch findet sich die Figur auch noch an anderen Orten: Die ungarische Krone („Stephanskrone“), die in der heutigen Form im 12. Jahrhundert kombiniert wurde und auf ein Geschenk des byzantinischen Kaisers zurückgeht, weist ebenfalls einen großen roten Edelstein in Frontstellung auf (Abb. 8). Zur mittelalterlichen Objektgeschichte der Krone und ihrer Datierung vgl. László Péter: „The Holy Crown of Hungary, Visible and Invisible“.

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Abb. 8: „Stephanskrone“, spätes 12. Jh.

Es handelt sich im 12. Jahrhundert nicht nur um eine deutsche oder byzantinische, sondern um eine im gesamten östlichen Mittelmeerraum gängige Praxis der Formulierung imperialer Herrschaftsansprüche.

Ebenso zeigen Mosaik-Darstellungen der normannischen Herrscher Siziliens eine Krone mit einem roten Edelstein an der Stirnseite (Abb. 9 und 10). Wie bereits Herkommer hat auch der Kunsthistoriker Avinoam Shalem darauf hingewiesen, dass ebenso arabische Texte vielfach von einer in ihrer Größe und Schönheit einzigartigen Perle sprechen und sie als al-yatīma (اليتيمة; ‚die Waise‘) bezeichnen: Die Perle begegnet bereits zur Zeit des Kalifats der Umayyaden (661–759) und Abbasiden (750–1258); mit Bezug auf die vor allem über Nordafrika herrschenden Fatimiden (909–1171), die ebenfalls das Kalifat beanspruchten, berichtet der Historiker Ibn al-Ṭuwayr (1130–1220) von einer Praxis, bei der die yatīma zu besonderen Anlässe an der Vorderseite des tāj (التاج), der mit einer Krone vergleichbaren Kopfbedeckung des Kalifen, getragen wurde. Avinoam Shalem: „Jewels and Journeys: The Case of the Medieval Gemstone Called al-Yatima“, S. 50; Herkommer: „Der Waise”, S. 55–57. Es handelt sich folglich im 12. Jahrhundert nicht nur um eine deutsche oder byzantinische, sondern um eine im gesamten östlichen Mittelmeerraum gängige Praxis der Formulierung imperialer Herrschaftsansprüche.

Der Herzog Ernst wirkt am Transfer dieser Praxis in einen deutschsprachigen Kontext mit und schreibt damit das Heilige Römische Reich in den Zusammenhang dieser mediterranen Herrschaftsgefüge ein. Mehr noch: Er behauptet einen deutschen Ursprung des zentralen Objekts. Denn der Erzählung zufolge wurde der Waise schon vor langer Zeit von einem deutschen Herzog aus der Tiefe eines Berges in der Fremde geborgen. Einem Herzog zudem, der im Laufe der Erzählung aufgrund seiner Wunder und Taten in der gesamten östlichen Mittelmeerregion zu Berühmtheit gelangt, und zwar sowohl bei Christen westlicher und östlicher Konfession wie bei Muslimen – denn Ernst macht nicht nur in Jerusalem, Konstantinopel, Bari und Rom Station, sondern auch in ‚Babylon‘, dem ägyptischen Kairo. Diese ‚globale‘ Reputation des Herzogs geht über den Waisen auch in das Reich ein.

Kristallisationsfiguren

Die politische Stabilität basiert damit nicht mehr allein auf der heilsmäßigen Singularität des Kaisers (wie bei Walther) und auch nicht allein auf einer fragilen personalen Bindung zwischen Kaiser und Herzog (wie zu Beginn des Herzog Ernst). Vielmehr wird Stabilität nun durch ein Akteur-Netzwerk vielfältiger und vielfältig miteinander verflochtener Entitäten hervorgebracht. Diese ‚Versammlung‘ des Waisen agiert dabei in doppeltem Sinne transkulturell: Zum einen löst sie die Grenzen zwischen Natur und Kultur auf und formuliert so imperiale Herrschaftsansprüche, zum anderen transferiert sie eine im mittelalterlichen Mittelmeerraum verbreitete Praxis, die sich in differenten, aber miteinander vernetzten kulturellen Traditionen je spezifisch ausprägt, in einen deutschen Kontext. Eine Eigentümlichkeit solcher Transfers ist allerdings, dass sie ihre Transkulturalität oft nicht erkennen lassen. Kulturspezifische Anpassungen wie Namensänderungen oder der Austausch von Handlungsträgern erwecken vielmehr den Eindruck eines monokulturellen Ursprungs. Wenn etwa im transkulturellen Transfer einer Erzählung aus einem Kalifen ein Kaiser wird, verlieren sich jäh die Hinweise auf einen arabischen Ursprung und eine europäische Entstehung wird suggeriert.

Kristallisationsfiguren spiegeln eine vermeintliche kulturelle Homogenität vor, wo tatsächlich eine komplexe Heterogenität transkultureller Verflechtungen im Hintergrund steht.

Der Begriff der ‚Kristallisationsfigur‘ kann auch diese Dimension transkultureller Verflechtungen erfassen: In der Natur sind Kristallstrukturen durch stoffliche Homogenität und strukturelle Symmetrie gekennzeichnet, was sich im Erscheinungsbild von Kristallen zeigt, ihrem regelmäßigen Wuchs, ihrer Transparenz und ihrem Glanz. Nicht zuletzt deshalb werden sie oft mit Reinheit assoziiert. Begreift man diese Aspekte von Homogenität und Reinheit von Kristallen metaphorisch als Effekte einer Oberflächenwahrnehmung, so lassen sich ‚Kristallisationsfiguren‘ noch einmal spezifischer fassen: Sie sind dann nicht nur Momente der Verdichtung und Verfestigung von Verflechtungen, in dem sie konkrete Figurationen oder Darstellungen von Dingen, Wesen und Personen ausprägen. Hinzu kommt ein Moment der durch den Transfer generierten Verzerrung und Verschleierung: Kristallisationsfiguren spiegeln eine vermeintliche kulturelle Homogenität vor, wo tatsächlich eine komplexe Heterogenität transkultureller Verflechtungen im Hintergrund steht.

In den Spruchdichtungen Walthers etwa verbleibt die transkulturelle Dimension des Waisen im Verborgenen. Es ist zwar unklar, ob zeitgenössische deutschsprachige Rezipierende sie erkennen konnten: Da vielfältige politische und kulturelle Vernetzungen etwa mit Byzanz, den Kreuzfahrerstaaten oder mit Sizilien bestanden, ist das nicht unwahrscheinlich. Trotzdem expliziert Walther diese Dimension nicht. Anders der Herzog Ernst: In Anbetracht der dort erzählten Herkunftsgeschichte stellt sich die Frage, ob der Text die Transkulturalität des Waisen nicht ganz gezielt ausstellt, insbesondere auch dadurch, dass er einen Herzog als Akteur des Reiches in einem mediterranen Raum vernetzter Herrschaftsgebilde agieren und zu Ruhm gelangen lässt. Zwar lassen sich solche Szenarien leicht als reine Fiktionen abtun, die wissenshistorisch – wenn überhaupt – nur als Projektionen eines europäischen Orientalismus relevant sind. Doch zeigt der Fund des Waisen, dass es sich lohnt, genauer hinzusehen und den Blick über europäische Traditionen hinaus zu weiten. Mitunter können dabei komplexe Relationen der Verflechtung aufgedeckt werden, die indes ebenso von Asymmetrien und Imaginationen geprägt sind.

Die Frage, ob es den Waisen als reales Objekt und Bestandteil der ‚Reichskrone‘ je gegeben hat, muss letztlich offen bleiben. An dem Umstand aber, dass immer noch über diesen Edelstein und seinen Ort auf der Krone gesprochen wird, zeigt sich die große Wirkmacht, die ein eventuell ’nur‘ durch Dichtungen geschaffenes Objekt entfalten kann.

Falk Quenstedt ist germanistischer Mediävist und arbeitet als Post-Doc im Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“.

Der Beitrag ist Teil der Serie Kristallisationsfiguren.